Grundlagen und historischer Kontext

Das hier präsentierte Material über

Gothic Villains und ihre Funktion in ausgewählten Schauerromanen 1764-1820

war eine Magisterarbeit zur Erlangung des Grades eines Magister Artium an der

Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn.

"…he above the rest
In shape and gesture proudly eminent
Stood like a tower; his form had yet not lost
All her original brightness, nor appeared
Less than archangel ruined, and the excess
Of glory obscured: as when the sun new risen
Looks through the horizontal misty air
Shorn of his beams, or from behind the moon
In dim eclipse disastrous twilight sheds
On half the nations, and with fear of change
Perplexes monarchs. Darkened so yet shone
Above them all the archangel: but his face
Deep scars of thunder had intrenched, and care
Sat on his faded cheek, but under brows
Of dauntless courage, and considerate pride
Waiting revenge: cruel his eye, but cast
Signs of remorse and passion to behold
The fellows of his crime…"


John Milton, Paradise Lost

INHALTSVERZEICHNIS (In der Navigation links sind alle Punkte abrufbar)

I. EINLEITUNG
1.1 Grundlagen und historischer Kontext
1.2 Gang der Arbeit
II. DER VILLAIN IN DER GOTHIC NOVEL OF TERROR
2.1 Die Erhabenheit des Gothic Villain
2.1.1 Der Gothic Villain und das Element der ,sensibility'
2.2 Der Gothic Villain als Motor einer Welt des Terrors
2.2.1 Der Gothic Villain und die Naturgewalten
2.3 Der Gothic Villain als Ausdruck unterdrückter Wünsche
III. DER VILLAIN IN DER GOTHIC NOVEL OF HORROR
3.1 Der Gothic Villain als Avatar des Teufels
3.1.1 Der Stolz und andere Sünden
3.1.2 Die Zunge der Schlange
3.1.3 Die Augen des Bösen
3.2 Religiöser Terror und Aberglaube
IV. DER VILLAIN IN DER GOTHIC (RADICAL) NOVEL
4.1 Der Gothic Villain als Produkt einer amoralischen Welt
4.2 Das verbotene Wissen und der Teufelspakt
4.2.1 Genie und Wahnsinn
4.2.2 Der Gothic Villain als ‚ewiger Jude'
4.3 Das Äußere als Zeichen des Inneren?
V. SCHLUSS
5.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
5.2 Ausblick
VI. LITERATURVERZEICHNIS
6.1 Quellen und Editionen
6.2 Forschungsliteratur
6.3 Nachschlagewerke

Grundlagen und historischer Kontext

Die Gothic Novel dominierte die englische Literatur von 1764, dem Erscheinungsdatum der ersten Gothic Novel The Castle of Otranto von Horace Walpole, bis 1820, als mit Charles Robert Maturins Werk Melmoth the Wanderer gleichzeitig der Höhepunkt und Abklingen der Popularität dieser Schauerromane eingeläutet wurde.
Als Ableger der Sentimental Novel und Vorläufer der Historical Novel erblühte das Genre, "when the enlightenment's neoclassic lights were replaced by the brooding darkness of haunted castles and the supernatural."(1)
Die Ideenwelt der Periode der englischen Romantik lief im 18. Jh. Sturm gegen die klassizistische Restriktion der Imagination des Menschen durch die Vernunft. Als Reaktion auf den wissenschaftlichen Rationalismus der Zeit sehnten sich die Menschen nach dem Ambiente des Mittelalters zurück, in welchem Mystisches, Unerklärliches und der klassische Kampf zwischen Gut und Böse eine adäquate Bühne hatten. In Natur und Architektur wandte man sich von symmetrischen Formen ab, überließ Gärten ihrem natürlichen Wildwuchs und errichtete verwinkelte Häuser in neo-gotischem Stil. Insbesondere das Aufkommen einer Ästhetik des Erhabenen mit seiner Vorstellung von majestätischen Gebirgsketten, dunklen und unüberschaubaren Wäldern und anderen ehrfurchtseinflößenden Naturereignissen spielte dabei eine wichtige Rolle. Das Genre der Gothic Novel bediente dieses Bedürfnis nach Abkehr von der Vernunft, Wildheit und Romanzen mit den typischen es konstituierenden Elementen, welche stark von der ‚Grabeslyrik' (graveyard poetry) beeinflusst wurden.(2) So lässt sich in allen Gothic Novels eine tiefverwurzelte Faszination von schauerromantischen und morbiden Elementen wie vermodernden Gräbern, zelebrierter Einsamkeit, verfallenenen Burgruinen und bösen Mönchen finden.
Unter allen genretypischen Konventionen, die Atmosphäre, das ‚setting' und die Personen der Gothic Novel betreffend, ist besonders der Gothic Villain ein wichtiges Element für die Gattung. Ingeborg Weber nennt ihn das "dunkel-unheimliche Kraftzentrum des Romangeschehens"(3). In einem Genre, welches vor allem vergügliches Schaudern beim Leser erzeugen sollte, ist er Dreh- und Angelpunkt im Verhältnis zwischen Peiniger und der Angst des Opfers, an welcher der Leser empathisch teilhat.(4)
Doch der Gothic Villain ist weit mehr als der böse Gegenspieler des Romanhelden oder der unschuldigen Jungfrau, da seine ideologische Konstruktion sowie die Wahrnehmung des Schurkencharakters eine Schlüsselrolle spielen.(5) Als Produkt seiner Zeit wurde er von diversen geistigen und kulturellen Strömungen geformt. Erste Elemente einer Psychoanalyse in Form von Mesmers Traumanalyse, die Ästhetik des Erhabenen, das Element der ‚sensibility' als Residuum der Sentimental Novel oder die Schrecken der französischen Revolution gehören dabei zu den wichtigsten Einflussfaktoren, auf welche detailliert im weiteren Verlauf dieser Arbeit eingegangen wird.

Gang der Arbeit

In der Gothic Novel wird die vormalige Struktur anderer Romane der Romantik umgekehrt, indem das Böse in Form eines Schurken zum Protagonisten erhoben wird. In der vorliegenden Arbeit wird die Funktion dieses Gothic Villains analysiert, indem seine Erscheinungsformen, seine Rolle im Handlungsverlauf der Novels sowie seine Bedeutung als Spiegel seiner Zeit, aufgezeigt werden.
Seit dem 18. Jh. sind die Schauerromane in geschlechtsspezifischem Kontext betrachtet worden.(6) Es bietet sich also an, die Charakteristika des Schurken in Hinsicht auf seine Funktion in den Werken beider Geschlechter, also sowohl ‚male gothic' als auch ‚female gothic', zu untersuchen. Die eher gefühlsbetonten Werke der weiblichen Autoren, welche auch ‚school of terror'(7) genannt werden, befassten sich vornehmlich mit dem Schurken als autoritärem Patriarchen oder tyrannischem Verfolger. Die Schauerromanfantasien eines düsteren Schurken und die Gefahr der sexuellen Belästigung durch diesen wurden dabei als Artikulation der weiblichen Entwicklung von der Unschuld eines Mädchens zur körperlichen und sozialen Reife einer Frau gesehen.(8) Die auf möglichst haarsträubende und pittoreske Sensationen ausgelegte Tradition der ‚school of horror' der männlichen Autoren brachte den Gothic Villain vor allem mit Tod und Teufel in Verbindung. Eine solche Aufteilung nach dem Geschlecht des Autors ist jedoch nicht immer konsistent, da Charles Maturin in seinem Melmoth the Wanderer beide Formen vereint und Mary Shelley eher in der männlichen Tradition schreibt.(9) Da dies, wie sich noch zeigen wird, bei letzterer vor allem gesellschaftskritische Gründe hat, kann man sie neben ihrem Vater William Godwin zusätzlich zu den Autoren der Radical Novels(10) zählen.
So komplex und beinahe verworren wie die Autoren der Gothic Novels die einzelnen Handlungsstränge ihrer Geschichten, einer ‚chinese box' gleich, ineinandergeschachtelt haben, um einen das Werk übergreifenden Spannungsbogen zu erzeugen, so kompliziert ist es auch, die verschiedenen Aspekte, welche die Funktion des Gothic Villain ausmachen, übersichtlich gegeneinander abzugrenzen, da sie ineinander fließen und teilweise einander bedingen. Man kann nicht über den Gothic Villain als Ebenbild von John Miltons Satan sprechen, ohne auch gleichzeitig über die Todsünde des Stolzes, welche ihn zu Fall brachte und die Komponente des verbotenen Wissens zu reflektieren. So stellt auch Devendra P. Varma bei dem Versuch die Gothic Villains thematisch voneinander zu trennen fest, dass es sich bei ihnen um "fluid concepts"(11) handelt und dass jeder Schurke in erster Linie eine bestimmte Funktion zu erfüllen hat: "For the most part he is all melodrama and extravagant emotion, designed to excite the last possible twinge of sensation."(12)
Im Gang der vorliegenden Arbeit sollen die verschiedenen Rollen und Funktionsweisen des Gothic Villain unter Berücksichtigung dieser Interdependenzen anhand ausgesuchter Werke, in welchen ein gerade behandelter Aspekt besonders repräsentativ Verwendung findet, separat betrachtet werden. Ann Radcliffes The Mysteries of Udolpho (1794) wird exemplarisch für den Schurken in der weiblich assoziierten Form des Schauerromans behandelt, während Matthew Lewis' Werk The Monk (1796) im Gegensatz dazu als Repräsentanz des Villain in der männlich konnotierten Romanform herangezogen wird. Abschließend wird mit Mary Shelleys Frankenstein (1818) ein Beispiel für die Funktionsweise des Gothic Villain im Schauerroman mit radikalem Subtext behandelt. Besonderes Augenmerk wird dabei immer wieder auf Textbeispielen anderer Schauerromane der jeweiligen Zeitspanne liegen, um bestimmte Sachverhalte besser beleuchten sowie signifikante Elemente deutlicher herausstellen zu können. Im Mittelpunkt des Interesses stehen dabei in erster Linie die männlichen Protagonisten Montoni, Ambrosio und Victor Frankenstein, bzw. dessen Monster. Auf Grund des Umfanges der Arbeit wird auf die Darstellung der Funktion der weiblichen Gothic Villains nur am Rande eingegangen.