Das Äußere als Zeichen des Inneren?

Sehr eng mit dem Motiv des Wahnsinns des Schurken ist auch das Bild des Doppelgängers verbunden. Beeinflusst durch die bereits erwähnte Traumanalyse des Arztes Mesmer im 18. Jh. und die damit verbundene Vorstellung von verschiedenen "subpersonalities"(300) des menschlichen Geistes, lässt sich in vielen Schauerromanen das Prinzip des ‚alter ego' nachweisen. Diese Dualität von bewussten und unbewussten Trieben im Verhaltensmuster des Gothic Villain trägt zu dessen Unberechenbarkeit bei und macht ihn für die Verfechter des Guten in der Romanwelt zu einer Gefahrenquelle. Im Kontext einer Atmosphäre der Unterdrückung und der Unschuld in Gefahr, welche sich wie in Caleb Williams auf der Thematik einer ständigen Verfolgung begründet,(301) ist es schon unheimlich genug, von einer anderen Person, einem Menschen oder einem Geist, verfolgt zu werden. Von sich selbst heimgesucht zu werden, ist jedoch noch deutlich unheimlicher, da es die Grundfesten der eigenen Identität angreift.(302) Der Schurke ist auf diese Weise für den Leser der Gothic Novel noch mysteriöser und furchteinflößender.
Als Gegenbewegung zum "Enlightenment Age of Reason"(303) waren Gothic Novels im 18. Jh. durch eine grundsätzliche Ausrichtung auf das Fantastische, Wilde und Groteske charakterisiert. Die Opposition von Licht und Schatten, Himmel und Hölle, Schönheit und Hässlichkeit und Gut und Böse ist der Nährboden für das Spannungspotential des Schauerromans. Diese Dualität im Kampf zwischen Gut und Böse findet sich in den Trieben der Gothic Villains wieder, was sich besonders gut an der Figur des Mönches Ambrosio belegen lässt. Dieser versucht in den Augen seiner Gemeinde als Ebenbild der Tugendhaftigkeit und des Glaubens zu erscheinen, während nachts, wie der Blutdurst eines Vampirs oder Werwolfes, seine bisher tief in der Seele verborgenen Fleischeslüste erwachen und ihn zu einem gefährlichen Dämon transformieren. Dies ist besonders der Einflussnahme des Teufels in Form der betörenden Matilda zu verdanken, welche deshalb auch als externalisiertes Bild von Ambrosios unterdrückter Schattenseite gesehen werden kann.(304) Obwohl die Inkarnationen des Teufels in The Monk realer Horror aus Fleisch und Blut sind und Ambrosio damit in eine Opferrolle zu drängen scheinen, können sie also auch als die unterdrückten Triebe von Ambrosios Unterbewusstsein gedeutet werden.(305) Carl Gustav Jung nennt dies in seiner analytischen Psychologie den "shadow", "[…] the sum of those personal characteristics that the individual wishes to hide from the others and from himself. But the more the individual tries to hide it from himself, the more the shadow may become active and evil-doing."(306) Dies ist bei Ambrosio augenscheinlich der Fall, da er durch die Unterdrückung seiner Gelüste letztendlich Inzest und Mord begeht. Dass er seine Schuld bevorzugt auf seine vermeintliche Verführerin zu verschieben sucht, ist nach Jung Projektion: "But the shadow can also be projected; then the individual sees his own dark features reflected in another person whom he may choose as a scapegoat."(307) In der Geschichte ist Matilda diejenige, auf die Ambrosio immer wieder die Schuld für seine Sünden abwälzt und damit das Alter Ego des Mönchs.(308) Das stolze und selbstbewusste Auftreten von Ambrosio ist nach Jung dabei lediglich eine "social mask"(309), welche seine Schattenseite verbergen soll.
Der Doppelgänger bedroht die "integrity of the self"(310) und ist Zeichen übernatürlicher Kräfte, welche Tod und Vernichtung mit sich bringen.(311) Wie in Trance oder im Zustand des Schlafwandelns lebt Ambrosio seine zweite Persönlichkeit aus.(312) Die übernatürliche Komponente bilden dabei die teuflischen Rituale und magischen Praktiken, welche der lüsterne Mönch anwendet, um seine Ziele zu verwirklichen. In Mary Shelleys Frankenstein benutzt Victor eine Kombination aus Wissenschaft und Magie, um wie Gott ein Wesen nach seinem eigenen Antlitz zu schaffen. Damit versündigt er sich gegen das biblische zweite Gebot des Dekalogs, dem folgend sich der Mensch kein Bildnis Gottes erschaffen soll. Das hässliche Erscheinungsbild des von ihm geschaffenen Monsters spiegelt so seine eigene innere Verderbtheit wieder. Obwohl Victor nur ausgesuchte Körperteile bei der Konstruktion verwendet, kann seine Besessenheit und Hybris nur ein furchtbares Ergebnis herbeiführen, da nur Gott in seiner Macht und Liebe für seine Schöpfung ein harmonisches Ganzes erschaffen kann.(313) Gott hauchte dem Menschen Leben ein und beseelte ihn durch die Liebe, während Frankensteins Monster nur durch dessen Egomanie erschaffen wurde. Dies erinnert an den Narziß-Mythos aus Ovids Metamorphosen, in welchem sich der selbstverliebte Narziß einen imaginären Doppelgänger in Form seines Ebenbildes im Wasser erschafft. Da seine Liebe nie Erfüllung finden kann und sein Herz daran zerbricht, wird der Anblick des Doppelgängers für ihn zur tödlichen Wahrnehmung des ewig geteilten und doch einen Ichs.(314) Sowohl Frankenstein als auch Ambrosio glauben, ihre jeweiligen Transformationen unter Kontrolle zu haben, "when in fact their creation of alternativ identities in an attempt to extend and complete their original, limited selves is an exercise in self-destruction.(315) Wie der Teufel Ambrosios Leben und Seele einfordert, so zerstört die monströse, fleisch gewordene Schattenseite Frankensteins, als Summe aller radikalen Romaninhalte Shelleys, ihren Erschaffer.
Das Monster ist als Produkt der wissenschaftlichen Finesse Victors, dessen körperliche Erweiterung, sein seelenloser ‚Homunculus'(316). Als Doppelgänger sind Monster und Schöpfer abwechselnd "[...] father and son, master and servant, oppressor and oppressed, violence and victim: […]."(317) Das Monster wird von Frankenstein geschaffen und steht so mit diesem in einer Art Vater-Sohn Beziehung. Später, so befürchted Victor, könnte sich seine Kreatur mit einem weiblichen Pendant fortpflanzen, wenn er dies zuließe, so dass "[…] a race of devils would be propagated upon the earth […].(318) Damit charakterisiert er jedoch auch seinen eigenen potentiellen Nachwuchs, welchen er mit Elisabeth zeugen könnte und welcher seine ‚madness' geerbt haben könnte. Im Kontext des Doppelgänger-Motivs vernichtet Victor das weibliche Konstrukt, so wie das Monster auch seine Frau tötet. Shelley provoziert hier die Frage, wem die Fortpflanzung gestattet werden sollte.
Die Parallelität der Rollenzuweisungen Frankensteins und seines Monsters durch Shelley rücken das Doppelgängermotiv immer wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit des Lesers. Sowohl Meister als auch Schöpfung durchleben alles Stadien des Opfer- und Peinigerdaseins. Beide werden, wie zuvor dargelegt, häufig mit Miltons Satan verglichen, was ihre gemeinsamen Wurzeln in einer Wesenheit untermauert. Besonders durch ihre Beziehung zu ihrer Umwelt wird deutlich wie eng ihr Schicksal miteinander verbunden ist. Wie Frankenstein sein hässliches Monster zu einem Leben in Isolation und Einsamkeit verdammt hat, so muss er durch diese unverzeihliche Sünde dessen Schicksal bald teilen:
I abhorred the face of man. Oh, not abhorred! They were my brethren, my fellow beings, and I felt attracted even to the most repulsive among them, as to creatures of an angelic nature and celestial mechanism. But I felt that I had no right to share their intercourse. I had unchained an enemy among them, whose joy it was to shed their blood, and to revel in their groans. How they would, each and all, abhor me, and hunt me from the world, did they know my unhallowed acts, and the crimes which had their source in me!(319)

Es ist äußerst ironisch, dass dem Monster, welches in seiner Hässlichkeit die "angelic countenances"(320) der Menschen" als "smiles of consolation"(321) empfindet, der Kontakt zu den Menschen verwehrt bleiben muss, während die Gegenwart dieser für seinen Schöpfer auf Grund seines schlechten Gewissens unerträglich geworden ist, obwohl er sich sogar zu den "most repulsive among them"(322) hingezogen fühlt. Nur sein entstelltes Monster kann er auf Grund seiner künstlichen Natur nicht aktzeptieren. Daraus spricht die Angst Victors (und damit Shelleys) vor seelenlosen Automaten im technischen Zeitalter des 18. Jahrhunderts.(323) Die Erschaffung eines künstlichen Wesens ist Ausdruck des Erfindungsdranges des Menschen, seines Dranges sich über den Zeugungsakt zu stellen und diesen durch einen geistigen und künstlerischen Akt zu ersetzen. Sie ist Zeichen seiner Herrschsucht, welche mit der Schöpfung einen Gehilfen und Diener zu gewinnen sucht.(324) Die Kritik Shelleys an der Schaffung eines solchen ‚Doppelgängers' besteht also auch in der amoralischen Herrscher-Diener Konstellation. Gott schuf den Menschen mit freiem Willen, während Frankenstein seine Kreatur angesichts ihres späteren Zerstörungsfeldzuges sicherlich gerne wie eine Marionette unter Kontrolle gehabt hätte. Doch in der Äußerung des Monsters zeigt sich die Angst der Menschen des 18. Jahrhunderts vor "der bedrohlichen Kehrseite des Dienstwilligen Automaten"(325): "You are my creator, but I am your master; - obey!"(326) Das Monster ist also eine fleischgewordene Projektion der Fantasie des Techniker-Magiers(327) Frankenstein und damit gleichzeitig sein todbringender Doppelgänger.
Durch seine freiwillige Isolation von der Außenwelt, in der er sein gotteslästerliches Ziel zu erreichen sucht, ähnelt Victor äußerlich immer mehr selbst einem Monster. Durch seine Arbeit in "dissecting room"(328) und "slaughter house"(329) sieht er nach langen Arbeitsperioden bald den Toten ähnlich, an welchen er arbeitet: "My cheek had grown pale with study, and my person had become emaciated with confinement."(330) Neben der offensichtlichen Kritik Shelleys an der bereits besprochenen Abkapselung von Freunden und Familie deutet Victors äußerliche Veränderung im Kontext des Doppelgängermotivs auch auf seinen selbst heraufbeschworenen Tod hin, da er sich im späteren Romanverlauf als "shadow of a human being"(331) und "mere skeleton"(332) bezeichnet.
Diese Projektion der negativen Eigenschaften nach Außen in Form von monsterhafter Hässlichkeit, welche das gespaltene Ich für die Umwelt sichtbar macht, ist vielen Gothic Villains zu eigen. St Leon erkennt letztendlich wohin ihn sein Streben nach Allmacht geführt hat: "I possessed the gift of immortal life; but I looked on myself as a monster that did not deserve to exist."(333) "All the anguish I ever felt, has derived its source from alchymy and magic."(334) Auch bei Falkland wird durch dessen unnachgiebiges Quälen seines ehemaligen Dieners seine Schattenseite auf diese Weise äußerlich sichtbar. Durch seine auf schlechtem Gewissen gründende Rastlosigkeit und den resultierenden Wahnsinn ist er am Ende des Romans für Caleb Williams kaum noch wiederzuerkennen:
I can conceive of no shock greater than that I received from the sight of Mr. Falkland. His appearance on the last occasion on which we met had been haggard, ghost-like and wild, energy in his gestures and frenzy in his aspect. It was now the appearance of a corpse. He was brought in in a chair unable to stand, fatigued and almost destroyed by the journey he had just taken.(335)

In der Romanwelt der Gothic Novel Autoren ist das Äußere also tatsächlich auch Zeichen des Inneren und das im Sinne des Schauerromans auf eine häufig sehr ‚monströse' Weise. Es äußert sich dabei meist durch das Auftauchen eines eingebildeten oder realen Doppelgängers, einer Inkarnation der unterdrückten bösen Eigenschaften.