Der Gothic Villain als Produkt einer amoralischen Welt

Mary Shelleys Frankenstein fällt wie die Werke ihres Vaters William Godwin in den Bereich der Sozialphilosophie. Dessen Novels Caleb Williams und Travels of St. Leon sind stark von seinem Werk An Enquiry Concerning Political Justice von 1792 beeinflusst, in welchem er die Bemühungen seiner sozialen Studien zusammenfasste und welches zu seiner Zeit als hochgradig anarchistisch angesehen wurde. Auch Shelley fügt der romantischen Dimension ihres Buches eine idealistische hinzu, welche sich klar gegen soziale Ungerechtigkeit und Unterdrückung wendet und gleichzeitig nach der Realisation der Freiheit und Gleichheit in allen menschlichen Beziehungen verlangt.(196) Durch diese augenscheinlich dem Roman zu Grunde liegende Forderung der Werte der französischen Revolution ‚Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit' ist ihr Werk eine Symbiose aus Gothic und Radical Novel. Frankenstein setzt sich dem Genre der Gothic Novel entsprechend wie seine Vorgänger aus schauerromantischen Elementen wie erhabenen Naturerscheinungen und düsteren Orten zusammen, wohingegen der Horror hier in besonderem Maße durch die Handlungsträger erzeugt wird. Der ‚locus horribilis' wird bei Shelley nicht ausschließlich durch die Anwesenheit oder die potentielle Einflussnahme des Schurken zur Quelle des Horrors. Es sind in erster Linie die Gothic Villains und ihre frevlerischen Taten selbst, welche die Menschen im Roman und seine Leser in Angst und Schrecken versetzen. Diese Tatsache manifestiert sich im Roman sehr augenscheinlich durch die abstoßende Hässlichkeit des von Victor geschaffenen Monsters, welches sozusagen selbst als ‚locus horribilis' fungiert. In der Kreatur, welche bis zum heutigen Tag einen mythischen Kultstatus erreicht hat, kulminieren sämtliche symbolischen Gehalte, welche sich in Mary Shelleys Werk nachweisen lassen:
The monster, in various readings then, is literature, woman's creativity, Mary Shelley herself; the monster is class struggle, the product of industrialization, a representation of the proletariat; the monster is all social struggle, a specific symbol of the French Revolution, the power of the masses unleashed; the monster is technology, the danger of science without conscience, the autonomous machine.(197)

Doch während Victor Frankenstein durch seinen großen Wissensdurst und seine damit verbundene monomanische Ausrichtung auf den Erwerb von arkanem Wissen sehr früh in amoralische Verhaltensmuster verfällt und damit ein Gothic Villain im klassischen Sinne ist, durchläuft sein Monster im Gegensatz dazu einen Lernprozess, welcher letztendlich jedoch durch die Schlechtigkeit der Welt auch für dieses zum Bösen führt. Das Monster wird von Victor zum Leben erweckt und ist -einem neugeborenen Menschen ähnlich- von Natur aus unschuldig. Von seinem verantwortungslosen Schöpfer verlassen irrt es durch die Wälder und muss sich die grundlegenden Dinge des Lebens wie Kommunikation oder Ernährung autodidaktisch erarbeiten. Es befindet sich also zunächst, noch unkorrumpiert durch die Zivilisation, in einem urzeitlichen Zustand der Unschuld, wodurch es zum romantischen Ideal des ‚noble savage' wird.(198) Doch ähnlich wie schon bei Matthew Lewis sind die Handlungsträger bei Shelley in einer "sad and bitter world"(199) gefangen, so dass dieser Zustand nicht von Dauer sein kann. Obwohl das Monster den Menschen freundlich begegnet und nichts Böses im Sinn hat wird es durch seine "unearthly ugliness […] almost too horrible for human eyes"(200) gemieden und sieht sich Angriffen ausgesetzt. Hier begegnet dem Leser die Moralvorstellung des 18. Jahrhunderts, in welchem das Monströse Dinge implizierte, welche die Normen der Vernunft und der Moral überschritten und damit exzessive und unanständige Szenen oder Charaktere repräsentierten.(201) Ein Monster war durch sein deformiertes Aussehen eine Antithese zu den neo-klassizistischen Werten von harmonischen und einheitlichen Kompositionen.(202) Die körperliche, moralische und geistige Vollkommenheit galt bereits im alten Griechenland als Bildungsideal. Die aus diesen Moralvorstellungen erwachsenden Vorurteile kritisiert Shelley augenscheinlich durch ihre Kontrastierung der Hässlichkeit des Monsters mit dessen inneren Werten, welche erst durch die Handlungen seiner Umwelt eine Matamorphose von gut zu böse durchlaufen.
Der Leser ist emotional berührt, als das Monster verzweifelt, wie ein verlorener Sohn(203), zu seinem Schöpfer zurückkehrt, um von diesem Hilfe und Verständnis zu erbitten:
Oh, Frankenstein, be not equitable to every other, and trample upon me alone, to whom thy justice, and even thy clemence and affection, is most due. Remember, that I am thy creature; I aught to be thy Adam; but I am rather the fallen angel, whom thou drivest from joy for no misdeed. Every where I see bliss, from which I alone am irrevocably excluded. I was benevolent and good; misery made me a fiend. Make me happy, and I shall again be virtuous.(204)

Das Monster stellt folglich einen Gothic Villain im Sinne eines Radical Novel Villain dar, welcher durch seine persönliche Welterfahrung böse geworden ist. Durch den Vergleich zu Miltons gefallenem Engel, welcher von Gott verstoßen wurde wie das Monster von seinem Schöpfer Frankenstein, deutet Shelley unmissverständlich auf soziale Ungleichheit hin, welche den Menschen früher oder später radikalisieren muss. Eine Lektion, welche zuvor die französische Revolution mit all ihren Schrecken gelehrt hatte und welche sich noch Jahre später in Gothic Novels wie Frankenstein in Bildern der Dunkelheit, der Verwirrung und des Blutes entlud.(205)
Das Monster ist in seiner Rolle als ‚noble savage' zunächst von guter Gesinnung. Es beobachtet heimlich eine Familie bei ihrem Tageswerk und lernt so langsam ihre Sprache. Aus Sympathie erledigt es im Verborgenen schwierige Arbeiten wie Holzhacken für sie, um ihnen die Lasten des täglichen Lebens zu erleichtern. Noch unbeeinflusst von seinem Äußeren nennen die dankbaren Bewohner das Monster daraufhin "good spirit"(206), was romantische Assoziationen an sagenhafte Naturgeister evoziert und somit die Rolle des Monsters als ‚noble savage' unterstreicht. Da sich das Monster allerdings darüber bewusst ist, dass es im Kontrast zu diesen Menschen mit ihren "angelic countenances"(207) wie ein leibhaftiger Teufel erscheinen muss, beschließt es, sich zur ersten Kontaktaufnahme zunächst dem blinden Vater der Familie zu nähern, um niemanden mit seinem monströsen Äußeren einzuschüchtern. Mary Shelley hat hier einen Subtext in ihre Geschichte eingeflochten, welcher an das erinnert, was Platon mit seinem Höhlengleichnis ausdrücken wollte und was religiös konnotiert von Antoine de Saint-Exupéry treffend formuliert wurde: "Man sieht nur mit dem Herzen gut; das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Auch der Leser ist in gewisser Weise blind, da er sich die Hässlichkeit des Monsters lediglich auf Grund von Shelleys Beschreibungen ausmalen kann und somit eher bereit ist, mit der Kreatur zu sympathisieren.
Tragischer Weise wird das Monster bei der Unterredung mit dem Greis von den anderen Familienmitgliedern überrascht und sofort vertrieben. Nun ist er ein "ogre"(208) für sie, da sie von seinem Aussehen auf seine inneren Werte schließen. Selbst als das Monster eine offensichtliche Heldentat vollbringt, indem es ein Mädchen aus einem Fluss rettet(209), wird es angegriffen und verwundet. Die Szene erinnert an den schwarzen Cerberus-artigen Hund von St.Leon in Godwins gleichnahmigen Werk, welcher den sprechenden Namen, Charon, des Fährmannes der Unterwelt trägt und ebenfalls ein Kind aus dem Fluss errettet, doch später auf Grund seines furchteinflößenden Äußeren erschossen wird.(210)
Es ist unmissverständlich, dass das Monster im Roman als Substitution für das einfache Volk angesehen werden kann. So wie das Monster durch seine genetische Ungleichheit gegenüber den Menschen mit "grace, beauty and delicate complexions"(211) unterpriviligiert ist, so ist der einfache Bürger analog dazu von Standeswegen gegenüber den Aristokraten politisch unterpriviligiert. Als das Monster sich im Verlauf des Romans gegen seinen Schöpfer wendet und alle tötet, welche diesem am Herzen liegen, wird die Gefahr deutlich, welche mit der Ignoranz, die Rechte des Monsters betreffend, verbunden ist. Dieses kann stellvertretend als die Masse und Macht des einfachen Volkes, als ‚mob'(212), aufgefasst werden, welcher, wie die französische Revolution bewiesen hat, ein sehr destruktives Potential entwickeln kann. Dementsprechend wird das Monster von Shelley als "gigantic"(213) und mit "superhuman speed"(214) ausgestattet beschrieben, was es im Sinne Edmund Burkes, wie zuvor belegt wurde, in seiner Fähigkeit den Menschen zu übervorteilen und letztendlich auszulöschen, zu einem Quell des Erhabenen und damit des Terrors macht. Hier irrt Andrew Smith, welcher die Erhabenheit der Kreatur in diesem Zusammenhang nicht mit dem Terror, sondern der abstoßenden Wirkung seiner Hässlichkeit verbunden sieht.(215) Smith erkennt zwar: "The sublime is not transcendent here, at least not properly so; rather it is replaced by the synthetic functions of scientific experimentation."(216) Jedoch spricht dies nicht gegen die Terror-auslösende Wirkung. Als Monster von Frankenstein geschaffen, also auf einer allegorischen Ebene, der aufgebrachte Mob von den Aristokraten künstlich heraufbeschworen, besitzt es das Potential, seinen eigenen Schöpfer zu vernichten und ist somit ein direkter Auslöser des seelenerweiternden Terrors im Sinne der Erhabenheit Burkes; auch wenn es aus verschiedenen menschlichen Körperteilen zusammengesetzt äußerlich hässlich und grotesk ist. In übertragenem Sinne addieren sich diese Einzelteile Stück für Stück mit jeder nicht-utilitaristischen Handlung der aristokratischen Machthaber, bis das Monster komplettiert ist und sprichwörtlich die Barrikaden stürmt.

Da das Monster nur Hass und Zurückweisung in der Welt erfährt, durchläuft es eine Metamorphose und wird schließlich neben seinem diabolischen Aussehen auch innerlich zum Teufel: "I, like the arch-fiend, bore a hell within me; […]."(217) Das Monster, welches im Roman Miltons Paradise Lost gelesen hat, verflucht seinen Schöpfer wie Satan auch Gott verfluchte und vergleicht sich bewusst mit dem gefallenen Engel, um Victor die Tragweite seines anmaßenden Verbrechens deutlich zu machen:
Accursed creator! Why did you form a monster so hideous that even you turned from me in disgust? God, in pity, made man beautiful and alluring, after his own image; but my form is a filthy type of yours, more horrid even from the very resemblance. Satan had his companions, fellow-devils, to admire and encourage him; but I am solitary and abhorred.(218)

Durch die Gegenüberstellung von Gott und Victor Frankenstein wird Shelleys Kritik an fanatischem Wissensdurst und leichtsinniger Manipulation der Natur deutlich. Victor erschafft keine schöne Kreatur nach seinem eigenen Angesicht wie Gott, sondern ist gezwungen aus Teilen bereits erstorbenen Lebens eine groteske Imitation eines Menschen zu konstruieren. Zusätzlich hat das Monster, anders als Satan, auch keine Wesen, welche mit ihm auf einer Stufe stehen. Als einzigartige Perversion des Lebens besitzt es keine Handlungsalternative außer seinen menschlichsten Trieben, denen des Neides und des Hasses, in einem Zerstörungsfeldzug Ausdruck zu verleihen: "I gazed on my victim, and my heart swelled with exultation and hellish triumph: clapping my hands I exclaimed, I, too, can create desolation; my enemy is not invulnerable; this death will carry despair to him, and a thousand other miseries shall torment and destroy him."(219) Nach der Lektüre von Frankenstein wiegt die Last der Gesellschaftskritik Shelleys schwer auf dem Gemüt. Die Haltung des Monsters, welches unschuldig geboren gewisse Sympathien des Lesers auf seiner Seite hat, wird durch seine Opferrolle nachvollziehbar: "Am I to be thought the only criminal, when all human kind sinned against me?"(220) Das Monster vergleicht sich immer wieder mit Miltons gefallenem Engel, wodurch die gesamte Tragweite der radikalen Botschaft Shelleys deutlich wird. Während Ambrosio durch das Ausleben seiner Sünden von der Höhe des (scheinbar) unbefleckten Guten in die Tiefe des absolut Bösen stürzt, vollzieht das Monster denselben Wandel ausgelöst durch die Ungerechtigkeit der Welt:
When I run over the frightful catalogue of my sins, I cannot believe that I am the same creature whose thougts were once filled with sublime and transcendent visions of the beauty and the majesty of goodness. But it is even so; the fallen angel becomes a malignant devil. Yet even that enemy of God and man had friends and associates in his desolation; I am alone.(221)

So wie bei Lewis der Monastismus der katholischen Kirche durch Unterdrückung natürlicher Triebe ein Monster der Fleischeslust hervorgebracht hat, so erschaffen bei Shelley im sozialkritischen Kontext die Menschen erst durch ihre Ignoranz ein auf Rache sinnendes Monster. Auf diese Weise macht Shelley deutlich, dass das wahre Monster nicht Frankensteins Schöpfung, sondern die Gesellschaft ist. Auch ihr Vater William Godwin machte bereits in seiner Radical Novel Caleb Williams darauf aufmerksam, dass auch der größte Märtyrer nur eine gewisse Menge an Unterdrückung und Ungerechtigkeit ertragen kann, bevor er selbst zum Tyrannen wird. Die genretypischen Gothic-Elemente des rastlosen Wanderns(222) und des aufkeimenden Wahnsinns(223), auf welche im Folgenden noch näher eingegangen werden wird, werden von Godwin als direkte Folge der Unterdrückung durch politische Machthaber dargestellt. Anfänglich hat Caleb Williams noch Bedenken, Falklands Geheimnis preiszugeben, da er ihn für einen im Grunde seines Herzens moralisch wertvollen Menschen hält. Doch wie auch das verfolgte und gepeinigte Monster bei Mary Shelley, welches sich verstecken muss und so kein menschenwürdiges Leben führen kann, ist auch Caleb Williams irgendwann am Ende seiner Kräfte:
Did all these persecutions persuade me to put an end to my silence? No: I suffered them with patience and submission; I did not make one attempt to retort them upon their author. I fell at last into the hands of the miscreants that are nourished with human blood. In this terrible situation I for the first time attempted by turning informer to throw the weight from myself.(224)

Wie sein Monster, so wird auch Frankenstein selbst im Verlauf des Romans durch seine persönliche Welterfahrung böse. Die Mächte, die er heraufbeschworen hat, wachsen ihm über den Kopf und töten in Form des Monsters seine gesamte Familie und seine Freunde. Dies ist jedoch ein Unglück, welches er durch verschiedene Charakterzüge des klassischen Gothic Villain, wie den bereits besprochenen Stolz oder den Wahnsinn, selbst heraufbeschworen hat, wie sich im Folgenden noch zeigen wird.