Die Augen des Bösen

Schon nach Platon sind die Augen ein Spiegel zur Seele. Die meisten Villains lassen sich durch ihre Augen entlarven, da sich ihre seelische Verderbtheit in ihren Augen, ihren ‚foedi oculi', widerspiegelt. Die Autoren der Gothic Novels benutzten den dämonischen Blick der Schurken als eine Art Kurzschriftzeichen, um diese zu Kraftzentren des Unheimlichen zu stilisieren.(150) Bereits in den klassischen Sagen des Altertums findet sich die tiefverwurzelte Faszination des Menschen über die Aussagekraft und Macht der Augen. Fantasiegeschöpfe wie Basilisken oder die Gorgone Medusa aus der Perseus Sage(151) konnten Menschen mit ihrem bloßen Blick zu Stein erstarren lassen. Nach der nordischen Mythologie gab der Göttervater Odin ein Auge für seine unerschöpfliche Weisheit.(152) Edmund Burkes philosophische Untersuchungen das Schöne und Erhabene betreffend zeigen, dass diese Faszination auch im 18.Jh. Bestand hatte und ihren Einfluss auf Schriftsteller ausübte, welche sich besonders in Erinnerung an Miltons Satan für die Aussagekraft der Augen interessierten.(153) Der Sinnzusammenhang zwischen der geistigen Ebene eines Menschen und ihrer physischen Manifestation durch eine Widerspiegelung in den Augen wird von Burke thematisiert: " […], the eye affects, as it is expressive of some qualities of the mind, and its principal power generally arises from this."(154) Die Augen des Gothic Villain spiegeln demnach dessen geistige Qualitäten wieder. Intelligenz aber auch die Moral eines Menschen wird durch seinen Geist bestimmt und kann in den Schauerromanen von den Augen abgelesen werden.
Ambrosios Augen werden in seiner Rolle als Dämon im Mönchsgewand von Lewis als "fiery and penetrating"(155) beschrieben, so dass seine Affinität zum Bösen schon vor seiner Verführung durch Matilda, also den Teufel, deutlich wird. Der feurige Aspekt seiner Augen drückt dabei seine moralische Skrupellosigkeit aus, während das Durchdringende ein Beweis für seine Intelligenz ist, welche ihn befähigt, ‚hinter' die Fassaden des Offensichtlichen zu schauen. Bei Godwin lässt sich die böse Gesinnung selbst durch geschickte Maskerade nicht verbergen, da die Augen einen Blick in die Seele der Person gestatten. St.Leon wird in einer Stierkampfarena von einem Spion der Inquisition beschattet: "His figure bespoke some degree of refinement; but his eye was fiery, malicious, and savage."(156) Als ihn St.Leon entdeckt und herrausfordert, zeigt sich das wahre Gesicht des Fremden: "His countenance then assumed an air of diabolical malignity."(157)
Die ‚foedi oculi' von Miltons Satan, dessen Auge als "cruel"(158) beschrieben wird, wurden an alle Gothic Villains weitervererbt und verleihen diesen eine Aura satanischer Erhabenheit. Jedoch bestehen in der Darstellungsweise der Augen in den verschiedenen Unterarten des Gothic Genres deutliche Unterschiede, welche als ‚pars pro toto' den Schurken im Kontext des Romans unterschiedlich erscheinen lassen. Während bei Radcliffe die Augen ihres Schurken Montoni durch "fire and keenness", "proud exultation", "bold fierceness" und "sullen watchfulness"(159) auf literarischer Ebene schon beinahe feminin zurückhaltend eine Atmosphäre der düsteren Erhabenheit erzeugen, kann in Beckfords märchenhaft übersteigerter Welt ein Mann durch den Blick des Kalifen Vathek getötet werden: "His figure was pleasing and majestic; but when he was angry, one of his eyes became so terrible, that no person could bear to behold it; and the wretch upon whom it was fixed, instantly fell backward, and sometimes expired."(160)

In der Gothic Novel mit ‚radikalem' Einschlag, wie beispielsweise Mary Shelleys Frankenstein, besitzen die Augen eine wiederum andere Qualität. Die "wildness"(161) in Victor Frankensteins Augen ist Zeichen für seinen labilen Geisteszustand, welcher sich angesichts seiner gotteslästerlichen und verantwortunglosen Tat, ein künstliches Monster außer Kontrolle auf die Menschheit losgelassen zu haben, in Wahnsinn wandelt. Die "watery eyes"(162) seiner morbiden Kreation hingegen sind einerseits mit ihrem abstoßenden Aussehen ein Quell des Horrors im Sinne des Schauerromans, doch ihre wässrige Konsistenz, welche an Tränen erinnert, scheint andererseits auch sein trauriges Schicksal in einer verständnislosen und voreingenommenen Menschenwelt zu antizipieren und ist somit Gesellschaftskritik Shelleys. Die Autorin benutzt die Aussagekraft der Augen ebenfalls, um den Wert des einfachen Glückes des romantischen Ideals des intakten Familienkreises mit dem entfremdenden Streben nach arkanem(163) Wissen zu kontrastieren. So beschreibt sie die Augen der gutherzigen und unverdorbenen Frau Victors mit einer an die Thematik des Himmels und der Engel angelehnten Metaphorik: "The saintly soul of Elisabeth shone like a shrine-dedicated lamp in our peaceful home. Her sympathy was ours; her smile, her soft voice, the sweet glance of her celestial eyes, were ever there to bless and animate us."(164)