Ausblick

Die Gothic Villains wurden von berühmten Gestalten der Welt der Mythen und Legenden wie Satan oder Faust inspiriert. Auch der ‚Elisabethan villain-hero' hat mit seiner Amoralität und Gier nach Macht auf das Bild des Schurken abgefärbt. Doch die grundlegenden Ängste des Menschen vor dem Bösen in all seinen Erscheinungsformen wurden erst in den Schauerromanen in Form des gotischen Bösewichts zum Zwecke der Spannungssteigerung personifiziert und konsequent ausformuliert.
Die Gothic Villains haben nach ihrer Blütezeit zwischen 1764 bis 1820 die Literatur der folgenden Jahrhunderte in Bezug auf die Darstellung von Schurkenfiguren nachhaltig beeinflusst. Der Montoni oder Schedoni einer Radcliffe antizipierte durch seine Beeinflussung durch das Moment der ‚sensibility' und die gleichzeitige Respektlosigkeit gegenüber dem weiblichen Geschlecht die ‚noble outlaws' von Scott und Byron. Doch besonders der Wille zum Bösen in den monomanischen Trieben der Gothic Villains, welcher ein Bereuen der amoralischen Taten im Moment des Todes unmöglich machte(344), half im 19. Jh. das Bild des ‚Byronic hero' zu formen. Emily Brontes Heathcliff aus Wuthering Heights, zum Beispiel, erbte neben dieser atheistischen und trotzigen Haltung auch viele anderen Aspekte der Gothic Villains, wie die satanischen Schurkenaugen(345) oder seine wölfisch-dämonischen Züge,(346) welche auch bei Ambrosio zu finden sind. Sogar die Monomanie oder das Motiv des Doppelgängers wurde in Form von Heathcliffs weiblichem Pendant Catherine realisiert. Beinahe alle in dieser Arbeit besprochenen Aspekte des Gothic Villain ließen sich auf Heathcliff anwenden, worauf einzugehen an dieser Stelle natürlich wenig sinnvoll ist, da sich eine eigene Arbeit darüber schreiben ließe. Auch in der ‚fin de siecle'- Literatur wie Dracula oder The Picture of Dorian Gray lässt sich der Einfluss der Gothic Villains spüren. Die Amoralität, welche sich durch Draculas Verwandlungsgabe oder das magische Doppelgängerbild des Dorian in körperlichen Deformierungen zeigt, erinnert besonders an das Monströse und seine moralischen Implikationen bei Shelleys Frankenstein.
Im frühen 20. Jh. bediente sich auch Joseph Conrad bei der Kontrastierung der ‚Dunkelheit des Barbarischen' mit dem ‚Licht der Zivilisation' in seinem Heart of Darkness vieler Attribute des Gothic Villain bei der Darstellung seines Bösewichts Stanely Kurtz. Analog zu der Dunkelheit des ihn umgebenen Ortes steht der wahnsinnig gewordene Kurtz für das in jedem Menschen ruhende Potential zur absoluten Amoralität, die Schattenseite des Menschen also.
In der Mitte des 20. Jahrhunderts erinnert der dunkle Herrscher Sauron und sein dämonisch-feuriges Auge in J.R.R. Tolkiens The Lord of the Rings in seiner Rolle als unermüdlicher und gnadenloser Verfolger des Ringträgers Frodo an Godwins Falkland, über welchen Caleb Williams sinniert: "Did his power reach through all space, and his eye penetrate every concealment?"(347)
Wo das Leben der Menschen früher langweilig war, kann es in der modernen und technologisierten Welt von heute durch Elemente wie Globalisierung und Leistungsdruck stressgeladen und mitunter deprimierend sein. Die Nachfrage des Menschen nach Zerstreuungen ist also heute wie damals ein Kernstück seines Lebens. Diese Nachfrage wird durch die modernen Medien wie das Kino jedoch noch direkter auf visuellem Weg befriedigt. Durch die Überbetonung des Visuellen der heutigen Welt haben es besonders plakative Horrorgestalten des ‚male Gothic' wie Dracula oder Frankensteins Monster zu multimedialem Ruhm gebracht.
Die Ängste der Menschen des 18. Jahrhunderts vor lauernden Banditen, der Inquisition oder sogar dem Teufel selbst, sind heutzutage weniger abergläubisch geprägt und werden durch neue ‚spectres' wie Killerviren, Außerirdische oder genetisch veränderte Mutanten ersetzt. Die Suche nach dem Elixier des Lebens setzt sich in der Gentechnik und der Robotik fort, welche letztendlich zu einer völligen Entmenschlichung führen könnten. In diesem Kontext dürfte besonders die Figur des ‚mad scientist', mit seinem Drang die Geheimnisse des Lebens zu erforschen und zu modifizieren und die damit verbundene Gefahr des Kontrollverlustes, für Gegenwart und Zukunft des Menschen eine ‚schaurige' Rolle spielen. Auf der einen Seite drohen intelligente Computer diejenige "race of devils"(348) zu werden, welche die Menschen in ihrer Hybris und ihrem Forschungsdrang erschaffen und nicht beherrschen können,(349) während auch menschliche Klone in Fiktion und Realität einen ganz neuen Horror des Doppelgängertums begründet haben oder noch werden.
Vor diesem Hintergrund stellt das Genre des vergnüglichen Horrors inklusive seiner düsteren Schurkenfigur als Summe der Ängste des Zuschauers oder Lesers heute wie damals ein Faszinosum für den Menschen dar.