Der Gothic Villain als Avatar des Teufels

Matthew Lewis' The Monk ist neben Werken wie William Beckfords Vathek(95) und Charles Maturins Melmoth the Wanderer(96) einer der berühmtesten Vertreter der ‚Gothic novel of Horror'. Bedingt durch die morbide-pittoresken Elemente der schwarzen Romantik,(97) beispielsweise verwesenden Leichen, blutige Rituale und besonders dem Teufelsbündner-Motiv, nennt man diese Werke mit ihren mitreissenden und marktschreierischen Sensationen auch ‚male Gothic'. Anders als bei Clara Reeve oder bei Ann Radcliffe hat es der Leser hier nicht mehr mit dem explizierten Übernatürlichen (dem Unheimlichen), sondern dem akzeptierten Übernatürlichen (dem Wunderbaren),(98) zu tun. Der so erzeugte Horror wird nicht als seelenerweiternd angesehen wie der durch die Erhabenheit betimmter Dinge oder Personen ausgelöste Terror, sondern gilt mit seiner Darstellung des Morbiden und Wiederwärtigen als abstoßend und lähmend.(99) Sowohl Terror als auch Horror in diesem Sinn wurden von Edmund Burke als Quellen des ‚delightful horror'(100) beschrieben. In der schwarzen Romantik wurden beide Quellen als der Schöheit zuträglich betrachtet, wie bereits Mario Praz bei seinen Studien diesbezüglich erläuterte: "For the Romantics beauty was enhanced by exactly those qualities which seem to deny it, by those objects which produce horror; the sadder, the more painful it was, the more intensely they relished it."(101)
Insbesondere die männlichen Autoren sahen keinen Grund dafür, die übernatürlichen Phänomene ihrer Werke auf erklärbaren Begebenheiten zu gründen und benutzten sie gezielt, um den Leser mit Angst zu paralysieren. Geister und Dämonen sind bei ihnen feste Bestandteile der Romanwelt, und wenn im Roman der Teufel höchstpersönlich vor das Angesicht der Sterblichen tritt, dann sorgen die Autoren dafür, dass der Leser glaubt dessen Schwefelausdünstungen riechen zu können. Die Autoren der ‚school of horror' deuten das Unausprechliche nicht nur an, sondern stimulieren den Leser mit einem Überfluss des Makabren.
Matthew Lewis vermittelt zudem in The Monk eine sehr düstere Weltanschauung, welche gleich zu Beginn des Romans in der Szene deutlich wird, in welcher Lorenzo der unschuldigen Antonia zu bedenken gibt: "What pity, that you must soon discover the baseness of mankind, and guard against your fellow-creatures, as against your Foes!"(102) Diese "perfidy of the world"(103) wird von Lewis im Verlauf des Buches immer wieder erwähnt und thematisiert. Der Gothic Villain, welcher in diesem Zusammenhang im Roman Gestalt annimmt, ist weitaus furchterregender und abstoßender, als es noch ein Montoni in der Welt des nur angedeuteten Schreckens einer Ann Radcliffe sein konnte. Der Schurke wird hier um die maskulin konnotierte Facette des unerklärlichen Horrors erweitert, wobei sich Lewis an den Darstellungsformen des Mittelalters orientierte. Die für das Zeitalter der Romantik typische Rückwendung zum Mittelalter implizierte auch das Diabolische, da der Teufel eine wichtige Rolle in den Künsten und Schriften des Mittelalters spielte und damit eine prominente Gestalt in den ‚mystery-plays' darstellte.(104) Als Verführer des Menschen wurde er im 14. und 15. Jhr. häufig in Mönchsroben dargestellt.(105) Eine Tatsache, welche Lewis in seinem Werk aufgreift und zum Triebmotor seines Romans macht. Im Folgenden soll die Funktion des Gothic Villain als inkarnierter Teufel beleuchtet werden, in welcher er die Sensationslust des Autors und seiner Leser auf schauerliche Art und Weise als Dämon im Mönchsgewand befriedigen kann. Dabei sollen die verschiedenen diabolischen Komponenten, wie dessen unerschütterlicher Stolz, seine Redegewandtheit und seine unbarmherzigen Augen, welche häufig mit der Vorstellung des Teufels assoziiert werden, näher beleuchtet werden.