Der Gothic Villain als ‚ewiger Jude'

Wie zuvor gezeigt, bemächtigen sich die meisten Gothic Villains auf Grund ihrer Besessenheit, ein bestimmtes Ziel betreffend, des verbotenen Wissens, um anderen Menschen überlegen zu sein. Der Fluch des arkanen Wissens beinhaltet jedoch durch den involvierten Teufelspakt gravierende Nachteile für das tägliche Leben des Besitzers. An der Spitze aller Sterblichen angelangt, ohne die Möglichkeit seine Macht oder sein Wissen zu teilen, ist es für den Schurken unerträglich einsam, wie St Leons Frau Marguerite ihrem Mann anschaulich zu verstehen gibt:
Police has its eyes upon you; superstition will regard you as the familiar of demons; avarice will turn upon you a regard of jealousy and insatiable appetite. [...] All your dealings are secrecy and darkness. [...] How unhappy the wretch, the monster rather let me say, who is without an equal.(276)

Diese Isolation des Schurken, verbunden mit seinem rastlosen Bestreben seine amoralischen Ziele zu verwirklichen, lässt diesen sinnbildlich zum ‚ewigen Juden' werden, wie im Folgenden gezeigt werden soll.
Die Legende des ‚Ahasuerus'(277) geht auf eine Passage des neuen Testaments in der Bibel zurück, in welcher Jesus zu seinen Jüngern sagte: "Verily I say unto you, There be some standing here, which shall not taste of death, till they see the Son of man coming in his Kingdom."(278) Auf dem Weg zum Kreuz soll ein Mann Jesus geschlagen und aufgefordert haben, schneller zu gehen. Laut der Chronik Flores Historiarum des Mönches Roger of Wendover aus dem Jahr 1228, welche bis ins Hochmittelalter viele Veränderungen und Modifikationen durchlaufen hatte, soll Jesus geantwortet haben: "I, indeed, am going, but thou shalt tarry till I come."(279)
Als Strafe Gottes konnte der Mann nun also nicht mehr sterben und war gezwungen, rastlos über das Angesicht der Erde zu wandern. Das Motiv des ewigen Wanderns hat die Menschen fasziniert und ist in Form vieler Figuren, wie z.B. der des ‚fliegenden Holländers', immer wieder thematisiert worden. Die psychologischen und physischen Torturen, denen der ‚wandernde Jude' ausgesetzt ist, machen ihn aber besonders zu einem beliebten Quell des vergnüglichen Horrors für die Autoren der Gothic Novels. ‚Der wandernde Jude' steht für einen durch die Gesellschaft gepeinigten Geist, für die Suche nach einem verlorenen Gott und die imensen Schwierigkeiten auf dem Weg zur Selbstverwirklichung.(280) In der Binnenerzählung um Raymond und Agnes in Lewis' The Monk findet der ‚wanderin jew' Verwendung und wird im Sinne des sensationellen ‚male Gothic' mit einem "burning Cross impressed upon his brow"(281) dargestellt. Charles Robert Maturin machte den Wanderer sogar zum Zentrum seines Romans. Dessen ewiges Leben ist dabei stets ein Fluch und nie ein Segen. Der wohl berühmteste Gotteslästerer Faust verkauft für die Unsterblichkeit des Fleisches seine kostbare Seele an Mephistopheles und sogar das ‚elixier vitae', welches Marie Roberts passend negativ-konnotativ als "deadly virus infecting future generations with the pestilence of never-ending life"(282) bezeichnet, kann von St Leon im Sinne des Seelenheils nicht gewinnbringend eingesetzt werden. Die infektiöse und diabolisch assoziierte Natur des ewigen Lebens wird nach der Hauptperiode der Gothic Novels zwischen 1764 und 1820 von Bram Stoker 1897 erneut in Form seines zum Blutsaugen verdammten Grafen Dracula aufgegriffen, welcher das ewige Untotendasein mithilfe des Blutes als Trägermedium überträgt. Das ewige Leben nimmt dem Menschen die Alternative eines erlösenden Todes und verwehrt ihm in religiöser Hinsicht ein Eingehen in die Nachwelt. Auch die Hölle wird in ihren verschiedenen Darstellungsformen in der Literatur, in ihrer Funktion als finale Instanz nach dem Leben eines Sterblichen, als Ort ohne Handlungsalternative verstanden. Dies wird besonders durch die klassischen Sagen der Antike deutlich, wie Manuel Aguirre bestätigt: "On earth, there is a point in rolling a boulder uphill; on earth wheels do not turn for ever, fruit does not systematically elude us. In the Tartarus of Sisyphus, Ixion, Tantalus things go on in an unending, meaningless round."(283) Somit kann festgestellt werden, dass der ‚ewige Jude' seine persönliche Hölle bereits im Diesseits erlebt und damit eine schaurig schöne Gestalt für die Romanwelt der Gothic Novels ist. Der Fluch des ewigen Wanderns, muss dabei jedoch nicht notwendiger Weise mit dem ewigen Leben verbunden sein, sondern kann wie im Falle von Frankenstein auch im übertragenen Sinne verstanden werden. Victor wird in erster Linie durch seine Sünde gegen Gott und Natur und sein damit verbundenes schlechtes Gewissen zum ‚ewigen Wanderer': "[…] I wandered like an evil spirit, for I had committed deeds of mischief beyond description horrible, and more, much more (I persuaded myself), was yet behind."(284) Einzig durch körperliche Ertüchtigung kann sich der geplagte Wissenschaftler gelegentlich etwas Erleichterung verschaffen, wodurch in der Vorstellung des Lesers ebenfalls das Bild des rastlosen Wanderns evoziert wird: "Sometimes I could cope with the sullen despair that overwhelmed me: but sometimes the whirlwind passions of my soul drove me to seek, by bodily exercise and by change of place, some relief from my intolerable sensations."(285)

Da Victor nicht die Verantwortung für seine Kreatur übernimmt, wendet sich diese in ihrer Wut gegen ihn. Das Monster tötet nacheinander alle Freunde und Verwandten Frankensteins und droht in dessen Hochzeitsnacht auch seine Frau zu töten, sollte er sich weigern, seiner Schöpfung im Sinne der Gleichberechtigung ein weibliches Pendant zu erschaffen. Victor lebt fortan in ständiger Angst, dass sein Monster einen weiteren Mord begehen könnte und wird von Shelley als "restless specter"(286) beschrieben. Besonders die Prophezeihung des Monsters, dass es in Frankensteins Hochzeitsnacht anwesend sein wird, lässt diesen das Schlimmste befürchten: "Great God! If for one instant I had thought what might be the hellish intention of my fiendish adversary, I would rather have banished myself for ever from my native country, and wandered a friendless outcast over the earth, than have consented to this miserable marriage."(287) Als das Monster tatsächlich Elisabeth tötet, so wie Victor kurz vor seiner Fertigstellung das geforderte weibliche Monster zerstört hatte, stirbt aus Gram auch Frankensteins Vater. Letztendlich aller Freuden beraubt, sinnt Victor auf Rache und verfolgt das Monster durch Städte und Länder bis hin zum Nordpol:
And now my wanderings began, which are to cease but with life. I have traversed a vast portion of the earth, and have endured all the hardships which travellers, in deserts and barbarous countries, are wont to meet. How I have lived I hardly know; many times have I stretched my failing limbs upon the sandy plain, and prayed for death. But revenge kept me alive; I dared not die, and leave my adversary in being.(288)

Er wird hier jedoch nicht nur durch seine Rachegelüste sinnbildlich zum ‚ewigen Wanderer', da Shelley sein Vorhaben das Monster zu töten als Gott gegebene Aufgabe beschreibt: "At such moments vengeance, that burned within me, died in my heart, and I pursued my path towards the destruction of the daemon, more as a task enjoined by heaven, as the mechanical impulse of some power of which I was unconscious, than as the ardent desire of my soul."(289) Anders als die reuelosen Schurken einer Radcliffe oder eines Lewis, erkennt Frankenstein durch die Schrecken, welche er selbst heraufbeschworen hat, wie sehr er sich versündigt hat. Er weigert sich, mit der Erschaffung eines weiteren Monsters denselben Fehler noch einmal zu begehen, selbst, wenn dies das Monster dazu bewegen würde, von seinem Rachefeldzug abzulassen. Er akzeptiert alle Morde des Monsters als seine eigene Schuld und sieht es als seine letzte Aufgabe an, das Monster zu töten und dabei als seine persönliche Katharsis auch mit seinem eigenen Leben zu bezahlen: "Never will I give up my search, until he or I perish; and then with what ecstasy shal I join my Elisabeth, and my departed friends, who even now prepare for me the reward of my tedious toil and horrible pilgrimage!"(290) Und tatsächlich scheint Frankenstein, einem Ixion oder Tantalus gleich, keine Handlungsalternative zu besitzen, außer seine letzte gottgewollte Aufgabe zu verrichten, da er in seiner Rolle als ‚Ahasuerus' die Grenzen des Sterblichendaseins überwunden zu haben scheint: "Of what materials was I made, that I could thus resist so many shocks, which, like the turning of the wheel, continually renewed the torture? But I was doomed to live; […]."(291) Der ‚ewige Jude', welcher seinen leibhaftigen Auftritt in Lewis' The Monk hat, beschreibt ebenfalls diesen Fluch dem Leben nicht entrinnen zu können:
In vain do I throw myself into the way of danger. I plunge into the Ocean; The Waves throw me back with abhorrence upon the shore: I rush into the fire; The flames recoil at my approach: I oppose myself to the fury of Banditti; Their sword become blunted, and break against my breast: The hungry Tiger shudders at my approach, and the Alligator flies from a Monster more horrible than itself.(292)

Noch nicht einmal an gebrochenem Herzen kann Victor Frankenstein sterben bis er seine ‚quest' erfüllt hat, wie in einem Gespräch mit seinem Vater deutlich wird, welcher später genau diesem Schicksal erliegen soll: "'some destiny of the most horrible kind hangs over me, and I must live to fulfill it, or surely I should have died on the coffin of Henry'."(293)

Auch Frankensteins Monster selbst wird zum ‚ewigen Wanderer'. Der Ausgangspunkt dafür ist wie bei seinem Schöpfer die Sünde; jedoch nicht die eigene Sünde, sondern durch Mary Shelleys in die Geschichte eingeflochtenen, radikalen Subtext, die Sünde der Gesellschaft. Wie bereits gezeigt, beginnt das Monster seine ‚Laufbahn' unschuldig als ‚noble savage', wird jedoch durch sein hässliches Äußeres ebenfalls zu einem rastlosen Dasein auf der Flucht vor den Menschen gezwungen. Dies wirft es seinem Erschaffer mit Recht vor:
You, my creator, abhor me; what hope can I gather from your fellow-creatures, who owe me nothing? They spurn and hate me. The desert mountains and dreary glaciers are my refuge. I have wandered here many days; the caves of ice, which I only do not fear, are a dwelling to me, and the only one which man does not grudge. These bleak skies I hail, for they are kinder to me than your fellow beings.(294)

Die genetische Andersartigkeit mit der Frankenstein sein Monster in die Welt entlassen hat, ist für dieses eine Strafe, welches es nicht verdient hat. Das brennende Kreuz, welches Lewis' Version vom ‚wandering jew' auf der Stirn trägt ist ein Kainsmahl, das für die gerechte Strafe Gottes steht: "'God has set his seal upon me, and all his creatures respect this fatal mark!'"(295) Der gesamte Körper des Monsters, welcher von einem unvorsichtigen Menschen konstruiert wurde, der sich in seiner Hybris anmaßte Gott spielen zu können, ist dessen ‚devil's mark.'(296)
So sind also sowohl Frankenstein, als auch sein Monster, immer entweder auf körperlicher oder geistiger Ebene zu ewigem Wandern verdammt. Dabei ist ihre moralische Entwicklung eine exakt gegensetzliche Bewegung. Während sich Frankenstein erst versündigt und dann auf eine lange Reise begibt, um für seine Taten zu büßen, wird das Monster durch seine Welterfahrung immer böser, bis es seiner unvermeidbaren Zerstörung gegenübersteht.

In allen Gothic Novels findet sich das Motiv des ewigen und rastlosen Wanderns wieder. Der Gothic Villain wird im Schauerroman meistens durch die unwiderstehlichen Kräfte seiner amoralischen Wünsche umhergetrieben und kann niemals zur Ruhe kommen. Montoni oder Vathek können, nach Blut lechzenden Vampiren gleich, durch ihre monomanische Gier nach immer mehr Reichtum und Macht ihr Verlangen niemals befriedigend stillen. In der Gothic Novel mit radikalem Inhalt spielt, wie bei Frankenstein, in Hinsicht auf das ewige Wandern besonders das Motiv des ‚unnachgiebigen Verfolgers'(297) eine große Rolle. In Godwins Caleb Williams, beispielsweise, ist dessen gleichnahmiger Charakter sogar gezwungen äußerlich zu einem Juden zu werden(298), um durch diese Maskerade den Schergen des gnadenlosen Tyrannen Falkland zu entgehen. Der wahre und weitaus tragischere ‚ewige Jude' ist jedoch Falkland selbst, welcher, um seinen unbefleckten Ruf zu bewahren, in ständiger Angst vor Entdeckung lebt und seine Zeit lediglich mit der Verfolgung seines ehemaligen Dieners Caleb verbringen muss. Als sein Moment der Reue gekommen ist, schildert er Caleb Willaims diese innere Hölle, die er durchlebte:
I am the most execrable of villains. I have for many years (I know not how long) dragged on a miserable existence in insupportable pain. I am at last, in recompense for all my labours and my crimes, dismissed from it, with the disappointment of my only remaining hope, the destruction of that for the sake of which alone I consented to exist.(299)

Maturins Melmoth, als vermutlich komplexeste und schaurigste literarische Darstellung des ‚wandering jew', resumiert am Ende seiner Karriere sehr anschaulich wie die verschiedenen Elemente, welche den klassischen Gothic Villain ausmachen, zusammenhängen und zu ‚ewigem Wandern' führen müssen: "Mine was the great angelic sin - pride and intellectual glorying! It was the first mortal sin - a boundless aspiration after forbidden knowledge!"