Die Erhabenheit des Gothic Villain

Mit The Mysteries of Udolpho hat Ann Radcliffe eine Gothic Novel geschaffen, welche heute zur ‚school of terror' gezählt wird und die auf Grund ihrer feineren und ‚domestizierteren'(13) Form des ‚supernatural explained'(14) auch ‚female Gothic' genannt wird. Radcliffe spielt mit den "tricks of a feverish imagination"(15), indem sie das Offensichtliche meidet und das Unaussprechliche nur andeutet. Sie nutzt die menschlichen Instinkte der Neugier und der Angst, um ihren Roman mit Spannung zu laden und die Leser zu fesseln. Dementsprechend werden auch ihre Schurken weniger pervers und bestialisch dargestellt, als die eines Beckford oder Lewis, jedoch nicht weniger ehrfurchtseinflößend, wie sich im Folgenden zeigen wird.

Typisch für die ‚Gothic novel of Terror' und hier insbesondere für Radcliffes Werke, ist die Konstruktion einer Atmosphäre des Erhabenen, welche den gesamten Roman fundamentartig unterläuft und als seelenerweiternd gilt. Edmund Burkes Forschungen über das Schöne und Erhabene geben Aufschluss darüber, wie seelenerweiternder Terror und das Erhabene zusammenhängen. Demnach ist alles, was dem Menschen eine Vorstellung von Schmerz oder Gefahr suggeriert, also ein Gefühl des Terrors im Geist produziert, eine Quelle des Erhabenen und das stärkste Gefühl, zu welchem der Mensch fähig ist.(16) Bei seinen philosophischen Überlegungen hebt Burke besonders Elemente wie "obscurity", "vastness", "magnificence" oder "power"(17) als Auslöser des seelenerweiternden Terrors hervor, Dinge also, mit welchen der Mensch auch Transzendentes, Göttliches und Unbegreifliches verbindet, welches das Potential besitzt ihn zu schädigen oder sogar auszulöschen. Diese Möglichkeit der Vernichtung, welche jedoch nicht realisiert wird, ruft beim Menschen einen Zustand seelischer Erregung hervor und löst so einen gefälligen Schrecken aus.(18)
Diese ‚Angstlust' wird in The Mysteries of Udolpho sowohl durch die literarische Gestaltung der Umwelt als auch der des Schurken erzeugt. Die Welt in Ann Radcliffes Roman stellt eine Konstruktion geographischer Begebenheiten dar, welche in der Realität keine Entsprechung finden, da sie poetisch übersteigert und idealisiert sind. Ihre majestätischen Gebirgsketten, unüberschaubaren, dunklen Wälder und ehrfurchtseinflößenden Naturgewalten erzeugen beim Leser ein ständiges Gefühl der Spannung und des Erhabenen. Die Funktion des Gothic Villain ist diesbezüglich ebenfalls eindeutig. Auch er zeichnet sich durch seine ‚sublimity' aus und löst damit sowohl beim Leser als auch seinen literarischen Gegenspielern Gefühle des Terrors aus.
Montoni ist ähnlich den Naturgewalten in vielerlei Hinsicht unbegreiflich und seine Motive obskur. Geschickt wählt Radcliffe in der Tradition von The Italian den Charakter des Bösewichts als ein "epitome of deep-dyed wickedness"(19), also aus einem heißblütigen Volk entstammend. Das tief verwurzelte Misstrauen des Menschen vor Fremden bildet hier einen Grundstein für die Angst Emilys vor Montoni. So setzt ihn sein Äußeres in vielerlei Hinsicht deutlich von anderen Männern ab, da er auch ungewöhnlich schön ist und Kraft ausstrahlt: "A man about forty, of an uncommonly handsome person, with features manly and expressive, but whose countenance exhibited, upon the whole, more of the haughtiness of command, and the quickness of discernement, than of any other character."(20) Besonders "The fire and keeness of his eye, its proud exultation, its bold fierceness, its sullen watchfulness"(21) sowie seine ‚foedi oculi'(22), welche bei jedem Gothic Villain wiederzufinden sind, deuten auf seine dunklen Geheimnissen, seine Willenskraft und seine Verderbtheit hin, welche ihn unter Berücksichtigung von Burkes Überlegungen zu einem Quell des Unbegreiflichen und der Macht werden lassen. Seine gesamte Ausstrahlung ist erhaben, da er durch bloße Präsenz andere Menschen in die Defensive zu drängen vermag: "This Signor Montoni had an air of conscious superiority, animated by spirit, and strenghtened by talents, to which every person seemed involuntarily to yield."(23) Doch es ist ein düsteres Charisma, welches durch seine feurigen Augen und seine dominierende Art ausgestrahlt wird. Es sind diese typisch satanischen Züge, welche später bei Betrachtung der Figur des Mönches Ambrosio noch erschöpfend behandelt werden und die Emily schon früh in Furcht vor Montoni erzittern lassen: "And it was, perhaps, the spirit and vigour of his soul, sparkling through his features, that triumphed for him. Emily felt admiration, but not that admiration that leads to esteem; for it was mixed with a degree of fear she knew not exactely wherefore."(24) Gleichzeitig zeigt Radcliffe, dass innere Verderbtheit immer auch äußerlich ihren Ausdruck findet: "Sometimes the deep workings of his mind entirely abstracted him from surrounding objects, and threw a gloom over his visage that rendered it terrible."(25) Daraus spricht die zeitgenössische Sicht der Pseudowissenschaften der ‚physiognomy' und der ‚phrenology', wie Bridget M. Marshall feststellt: "In the world of the novel, particularly the Gothic novel, Villains are clearly marked. The idea that evil can be seen in the face is important to the characters […] The faces of Gothic Villains […] are not simply human faces, but faces of evil."(26) Ein so vom Bösen gezeichnetes Gesicht(27) erinnert an das erhabene Antlitz von Miltons Satan(28) und erzeugt durch die assoziierte Morallosigkeit Gefühle des Terrors beim Betrachter. Montoni ist äußerlich, insbesondere aber auch durch seine Handlungsweise, eine erhabene Gestalt, was sich im Folgenden besonders in Zusammenhang mit der ausgeprägten Empfindsamkeit seines Opfers Emily zeigen wird.