Genie und Wahnsinn

Victors Obsession, Isolation und Egoismus deuten stark auf das romantische Bild des wahnsinnigen Wissenschaftlers, des kreativen Künsterls und des Naturphilosophen hin.(247) Ein Verrückter hatte in der Gedankenwelt der Romantiker eine Art Kultstatus, da er nicht mehr durch die Schranken der Vernunft gebunden war und seiner Fantasie freien Lauf ließ. Die Angst vor ausbrechendem Wahnsinn war im Schauerroman jedoch in erster Linie eine Quelle des Terrors und wurde als effektives Schockmittel eingesetzt.(248) Alternativ besuchte man in seiner Freizeit im London des 17. und 18. Jahrhunderts gerne Irrenhäuser, um sich wie bei einer mittelalterlichen ‚freakshow' gezielt gruseln zu lassen.(249) Es wundert also nicht, dass die Autoren der Schauerromane die Faszination ihrer Zeitgenossen, Geisteskrankheiten betreffend, ausnutzten, um ihren Werken zu Erfolg zu verhelfen. Bei Walpole begeht der Tyrann Manfred im Wahn beinahe Inzest, bei Radcliffe wird eine Frau über die Zurückweisung ihres Liebhabers wahnsinnig und geht ins Kloster und bei Maturin spielt eine lange Episode der Geschichte um Melmoth in einem Irrenhaus. In jeder Gothic Novel ist der Aspekt des Wahnsinns auf irgendeine Weise vertreten, besonders deswegen, weil man nach den Moralvorstellungen in der Welt des Schauerromans den Wahnsinn als passende Strafe für die Schuldigen ansah.(250)
Der Wahnsinn der Gothic Villains ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Persönlichkeit, welcher sich in zwei Komponenten aufspaltet. Da ist einerseits ihre von den Autoren ‚a priori' angenommene und in der Charaktererschaffung verwirklichte Monomanie, auf Grund derer sie Böses tun und auf ihren Untergang zuarbeiten und andererseits der Wahnsinn, welcher im Verlauf des Romans durch die Begegnungen mit dem Unfassbaren und Furchtbaren über sie hereinbricht und ihre geistige Gesundheit zu zerstören droht. Im Folgenden sollen nun beide Aspekte behandelt und ihre Bewandtnis die Funktion des Gothic Villain betreffend verdeutlicht werden.
Wie bereits gezeigt, handeln alle Schurken hochgradig monomanisch auf ein bestimmtes Ziel hin. Diese Art von Besessenheit ist ein Kernstück ihrer Natur, welche sie für ihre Umwelt überhaupt erst zu einer aktiven Gefahr und damit für den Leser zu einem Quell des vergnüglichen Schauderns werden lässt. Auch Victor Frankenstein ist als literarischer Charakter so konstruiert, dass seine leidenschaftliche Natur beinahe zwangsläufig zur Monomanie führen muss: "My temper was sometimes violent, and my passions vehement; but by some law in my temperature they were turned, not towards childish pursuits, but to an eager desire to learn, […]."(251) Wie bereits zuvor unter dem Aspekt der Intelligenz und Beredsamkeit des Gothic Villain behandelt, ist Frankenstein durch seine "unbounded knowledge"(252) und seine "quick and piercing apprehension"(253) ein Genie von satanischer Erhabenheit. Durch seine Besessenheit, diese Intelligenz zum Erwerb von arkanem Wissen einzusetzen, begibt er sich auf einen sicheren Pfad zu Wahnsinn und Verzweiflung. Schon der ‚sprechende Name', Victor, welchen Marie Shelley ihrem Wissenschaftler gab, scheint dem Leser unmissverständlich klarzumachen, dass dieser nicht eher ruhen wird, bis er das Geheimnis des Lebens entschlüsselt und über den Tod selbst triumphiert hat. Von einem "supernatural enthusiasm"(254) beseelt arbeitet Victor Tage und Nächte lang in seinem Labor, wobei sein Eifer immer nur noch größer zu werden scheint.(255) Wie in Trance nimmt er seine Umwelt nicht mehr wahr. Als Victor in der Rahmenhandlung Walton vor dem verbotenen Wissen warnt, benutzt Shelley das Bild eines berauschenden Trankes, um den geistesverwirrten Zustand Victors zu unterstreichen: "‚Unhappy man! Do you share my madness? Have you drank also of the intoxicating draught? Hear me, - let me reveal my tale, and you will dash the cup from your lips!'"(256) Durch seine selbst gewählte Isolation schottet er sich von den positiven Einflüssen der Natur und der Familie ab. Erst lässt er seine Verlobte Elisabeth zurück, als er sein Studium in Ingolstadt aufnimmt und später auch seinen besten Freund, um ein neues Labor auf den Orkney Islands in Schottland einzurichten. Er ist gezwungen sein Geheimnis im Verborgenen zu bewahren, um nicht die Neugier der Menschen und damit ein mögliches Scheitern seiner Experimente heraufzubeschwören. Der Besitz von arkanem Wissen macht den Gothic Villain stets einsam, da er sich bei Preisgabe seines Gehimnisses dem Neid oder sogar dem Zorn seiner Mitmenschen ausliefern würde. Die große Gefahr, welche vom Herrschaftswissen und der damit verbundenen Macht ausgeht, wird besonders von dem Fremden betont, welcher Godwins St Leon den ‚philosopher's stone' und das ‚elixier vitae' verspricht:
It might be abused and applied to the most atrocious designs. It might blind the understanding of the wisest, and corrupt the integrity of the noblest. It might overturn kingdoms, and change the whole order of human society into anarchy and barbarism. It might render its possessor the universal plague or the universal tyrant of mankind.(257)

Frankenstein ist sich dieser Brisanz wohl bewusst und vermeidet deshalb jeden Kontakt mit der Außenwelt, was ihm jedoch auf Grund seiner Besessenheit nicht schwer fällt: "[…] then a resistless, and almost frantic, impulse, urged me forward; I seemed to have lost all soul or sensation but for this one pursuit."(258) Die Art, wie der Wissenschaftler seine Familie zu Gunsten seiner Experimente vernachlässigt, weist Ähnlichkeiten zu Begebenheiten in Mary Shelleys Leben auf. Auch ihr Mann Percy suchte die Einsamkeit im Rahmen seiner Dichtertätigkeit, während ihr Vater sich ebenfalls nach seiner Heirat mit Mary Jane Clairmont im Jahr 1801 für seine Studien von seiner Familie abkapselte.(259) Die Kritik, welche Shelley an monomanischem Verhalten übt, entspringt also auch aus ihren eigenen Erfahrungen, welche sich im Leben Victors widerspiegeln. Die Konsequenzen dieses Verhaltens werden von Shelley dementsprechend drastisch durch einen fast eintretenden Nervenzusammenbruch Victors im Text dargestellt: "Every night I was oppressed by a slow fewer, and I became nervous to a most painful degree; the fall of a leaf startled me, and I shunned my fellow creatures as if I had been guilty of a crime."(260)
Durch seine Besessenheit erlangt Victor eine Resolution in seinem Handeln, welche ihn befähigt alle Hindernisse zu überwinden und Dinge zu tun, von denen sich ein Mensch im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten mit Ekel abwenden würde. Er fungiert hier also erneut als Mittler zwischen der Welt des Makabren und dem Leser, um die typische Atmosphäre des Schauerromans zu erzeugen. In Anlehnung an die ‚resurrection men', welche im 18. Jhr. inoffiziell Leichen von Friedhöfen stahlen, um sie gegen Entgelt der Medizin zugänglich zu machen, plündert auch Victor Leichenhäuser, um Materialien für seine Arbeit zu sammeln: "I collected bones from charnel-houses; and disturbed with profane fingers, the tremendous secrets of the human frame."(261) Dieser unheilige und gotteslästerliche Akt ist von feministisch eingestellten Autoren als Vergewaltigung der Natur bezeichnet worden.(262) Die Versündigung des Schurken an Gottes Schöpfung und die damit verbundene Kritik an übersteigertem Wissenschaftswahn entgegen romantischer Rückbesinnung auf die Natur wird von Shelley durch Frankensteins Reflektionen im Text thematisiert. Victor beschreibt es als "storm that was even then hanging in the stars, and ready to envelope [him]"(263) oder als "Angel of Destruction".(264) Immer wieder benutzt Shelley diese religiös assoziierte Bildebene, um Frankensteins "unhallowed arts"(265) gegen den Willen Gottes hervorzuheben: "[…] the apple was already eaten, and the angel's arm bared to drive me from all hope."(266)
Zu Frankensteins Besessenheit, welche von Natur aus ein Teil von ihm ist, gesellt sich nun der Wahnsinn, welcher ihn in seinen Untergang treibt. Als das Monster Frankensteins jüngeren Bruder William tötet und die Schuld dafür der tatsächlich unschuldigen Justine angelastet wird, realisiert der Wissenschaftler, wohin ihn seine Besessenheit geführt hat. Damit sein Geheimnis jedoch nicht an die Öffentlichkeit gelangt, greift er nicht ein, als Justine unschuldig hingerichtet wird. Durch diese Amoralität seines Handelns wird Frankenstein zunächst zu einem klassischen Gothic Villain, welcher sich von den Beschränkungen tugendhaften Handelns scheinbar nicht beeinflussen lässt. Durch seine Reue und sein schlechtes Gewissen jedoch, den "never-dying worm"(267) in seinen Eingeweiden, welcher ihn langsam in die Fänge des Wahnsinns treibt, tritt er aus dem Schatten eines gewissenlosen Ambrosios oder Vatheks hervor und wird zum Radical Villain. Dieser wird für die Sünden, welche er auf sich geladen hat, von seinem Gewissen gequält, darf sein Geheimnis jedoch nicht zur Erleichterung mit anderen Menschen teilen. Dies ist der Fluch des verbotenen Wissens, welchen jeder Schurke beim Vetrag mit dem Teufel auf sich nimmt. Victor erkennt jedoch die Ausweglosigkeit der Situation zu spät: I had a persuasion that I should be supposed mad; and this in itself would for ever have chained my tongue. But, besides, I could not bring myself to disclose a secret which would fill my hearer with consternation, and make fear and unnatural horror the inmates of his breast. I checked, therefore, my impatient thirst for sympathy, and was silent when I would have given the world to have confided the fatal secret.(268)

Frankenstein durchläuft durch seine Taten wie Ambrosio eine Metamorphose. Doch während der lüsterne Mönch innerlich dem Teufel selbst immer ähnlicher wird, weil er durch seine diabolischen Taten Regungen seines Gewissens gezielt abtötet, so gleicht das Leben Victors immer mehr einer Hölle, da er als Radical Villain durch sein Gewissen gefoltert wird: "The tortures of the accused did not equal mine; she was sutained by innocence, but the fangs of remorse tore my bosom, and would not forego their hold."(269) Mit diesem geht auch die Angst vor der Strafe durch transzendente Kräfte einher. So bildet sich der Wissenschaftler nach einer Weile ein, dass die heißen Winde der Hölle ihm bereits entgegenwehten: "[…] I cannot describe to you how the eternal twinkling of the stars weighed upon me, and how I listened to ervery blast of wind, as if it were a dull ugly siroc on its way to consume me."(270) Er empfindet den Rachefeldzug des Monsters gegen seine Familie und seine damit verbundenen inneren Qualen als Strafe Gottes, dessen Zorn er auf sich geladen hat: "But I am a blasted tree; the bolt has entered my soul; […]."(271) Wie sein Monster, vergleicht auch er sich mit Miltons Satan. Doch während die künstliche Kreatur durch soziale Ungerechtigkeiten ein ähnliches Schicksal erdulden muss wie der gefallene Engel, so hat sich Frankenstein durch seine Hybris selbstverschuldet der Situation ausgeliefert: "[…] like the archangel who aspired to omnipotence, I am chained in an eternal hell."(272)
Sein schlechtes Gewissen stürzt Victor in tiefe Depressionen, so dass er sein Leben nur noch durch die Einnahme von Laudanum(273) erträglich machen kann: "The cup of life was poisened for ever; and although the sun shone upon me, as upon the happy and gay of heart, I saw around me nothing but a dense and frightful darkness, […]."(274) Schließlich wandelt sich diese Niedergeschlagenheit dann in echten Wahnsinn: "[…] when I thought of what had passed, a real insanity possessed me; sometimes I was furious, and burnt with rage, sometimes low and despondent."(275) So dient der Schurke hier als abschreckendes Beispiel für einen Menschen, der seine gottgegebenen Grenzen überschreitet und dafür mit Wahnsinn geschlagen wird, während er gleichzeitig den Hunger der Leserschaft des 18. Jahrhunderts nach Horror, welcher aus dieser Begebenheit erwächst, befriedigt.