Der Gothic Villain als Ausdruck unterdrückter Wünsche

Ein zentraler Punkt in Ann Radcliffes The Mysteries of Udolpho ist die Liebesgeschichte zwischen Emily St Aubert und dem Edelmann Valancourt. Die aufregende Atmosphäre einer Gothic Novel entsteht jedoch durch die Angst des meist weiblichen Opfers vor der Boshaftigkeit des Schurken. Um diesen Effekt zu erzielen muss die Verderbtheit des Schurken als größt mögliche Bedrohung der Schwachen und Unschuldigen konstruiert sein.(77) Montoni, der Gothic Villain des Werkes, drängt sich in Emilys Leben und damit zwischen das junge Liebesglück. Er zwingt sie und ihre Tante mit auf sein düsteres Schloss zu kommen, wo er beide wie Gefangene behandelt. Doch es fällt dem Leser schwer, wahre Hassgefühle gegen ihn zu empfinden. Sein fremdländisches, attraktives Erscheinungsbild, sein herrschaftlich determiniertes Auftreten sowie die mysteriöse Aura, die entsteht, wenn er mit düsterer Miene über dunkle Geheimnisse sinnierend durch die verfallenden Gänge seines Schlosses wandelt, erzeugen einen "effect of romantically majestic proportions which attracts our interest owing to its novelty."(78)
Diese Anziehungskraft, welche Radcliffe dem ‚shakespearean villain-hero' entlehnt hat(79), ist es, welche Emily und den Leser gleichermaßen in ihren Bann schlägt. Der Schurke Montoni wird hier zum Sinnbild des Verdrängten. Ein Mann der sich in einer derart kompromisslosen Weise gegen die gesellschaftlichen Normen stellt, kann im Betrachter eine neurotische Sehnsucht wecken, es diesem gleichzutun, wäre er nicht durch die Angst vor Strafe gebändigt.(80) Dies ist eine Angst, welche einem Gothic Villain wie Montoni unbekannt ist: "Conquer your whims, and endeavour to strengthen your mind. No existence is more contemptible than that, which is embittered by fear."(81) Die Absolutheit in Radcliffes Konstruktion der Willensstärke und Determination des Schurken ist es, welche auch die Romanheldin Emily in eine Gefühlsambivalenz stürzt: "Emily felt admiration, but not that admiration that leads to esteem"(82) Von dem dunkelhäutigen Italiener Montoni, dessen Verhalten so mystisch-attraktiv ist wie sein Äußeres, geht also eine subtile Erotik aus, welcher sich die schutzbedürftige Emily nicht entziehen kann. Sogar die Ausübung seiner Verbrechen haben mit ihrer Zielgerichtetheit etwas sehr maskulin konnotiertes. Ein Mann, "capable of any action"(83), der sich nimmt was er will, löst sowohl beim Leser als auch Emily gleichermaßen Furcht und Bewunderung aus.(84) Eine Tatsache, die Ann Radcliffes Roman als ‚female Gothic' sicherlich besonders für die weibliche Leserschaft äußerst interessant gemacht hat.

Auf diesem Hintergrund erscheint Montoni als ein aristokratischer Verbrecher vom Schlage eines Manfred. Auch dieser wird von einer monomanischen Gier nach Macht und Reichtum angetrieben. Während Walpoles Manfred durch Inzest seine Stammeslinie und damit sein Besitzrecht auf Otranto zu sichern versucht, ist auch Montoni jedes Mittel recht, um an fremden Besitz zu gelangen. Dazu heiratet er aus purer Berechnung Emilys vermögende Tante und foltert diese langsam zu Tode, um von ihr die Übergabe ihrer Besitztümer zu erpressen. Auch hier erfüllt Montoni damit das Handlungsschema des elisabethanischen Schurken aus den Werken Shakespeares, in welchen die Handlung der Stücke sehr häufig auf dem Beweggrund der Usurpation beruht: In The Tempest wird der Magier Prospero von seinem Bruder verbannt und des Thrones beraubt, während in Macbeth sogar Usurpation durch Mord im Zentrum der Handlung steht.(85)
Gegen einen Schurken von der Größe eines elisabethanischen ‚villain-hero' mit allen assoziierten ‚Machiavellian qualities' wie "egotistical, cruel, faithless, remorseless, murderous"(86) müssen Radcliffes weibliche und männliche Helden notwendiger Weise etwas farblos wirken.(87) Dieser Kontrast verhilft Montoni zu seiner erotischen Austrahlung, welche ihn zum Faszinosum des Romans werden lässt.
Die Welt des Gothic Villain und seine Handlungsweise sind Ausdruck der voyeuristischen Fantasien des Menschen. Sie befriedigen das menschliche Bedürfnis, neue Gefühle und Sensationen zu erleben, ohne jedoch wirklich einer Gefahr ausgesetzt zu sein.(88) In Melmoth the Wanderer, beleuchtet Charles Maturin mit seiner scharf-analytischen Betrachtungsweise diese Faszination des Schrecklichen und gleichzeitig Erhabenen. Als John Melmoth zusammen mit anderen Menschen den Opfern eines Schiffsunglückes in Küstennähe zur Hilfe eilen möchte, wird ihm klar, dass das menschliche Mitgefühl aus einer Art Sensationslust entsteht: "He had no leisure or inclination, then, to analyse the compound he called good, and resolve it into its component parts of curiosity, strong exitement, the pride of physical strength, or the comparative consciousness of safety."(89) Mit diesem Satz liefert Maturin eine Art philosophischen Grundsatz, mit welchem sich ebenfalls erklären lässt, warum Menschen Gothic Novels lesen und von der ehrfurchtseinflößenden Erhabenheit des Gothic Villain so magisch angezogen werden.(90) Es ist hier auch wieder die Erhabenheit des Schrecklichen im Sinne Burkes, welche im Menschen ästhetisches Wohlgefallen erzeugt, solange es ihn nicht selbst betrifft.
Wie das Schiffsunglück ist auch der Gothic Villain selbst ein Quell des Terrors. Durch sein Auftreten und seine Verhaltensweise in der Romanwelt wird er zum Mittelpunkt des voyeuristischen Interesses der durch die realistischen Romane des 18. Jahrhunderts teilweise gelangweilten Leser. Es ist also vorzustellen, dass ein Mensch dieser Zeit alle Gefühlszustände des Gothic Villains oder die seiner Opfer in der Sicherheit seines Lesesessels mitdurchleben wollte. Diese Freisetzung der ‚fancy' und ‚vision' kann als Protest der Menschen gegen die Ästhetik und Logik des aufgeklärten Weltbildes, der ‚common sense'-Philosophie des 18. Jahrhunderts verstanden werden.(91)
Die Fähigkeit des Gothic Villain mit seiner tyrannischen und amoralischen Persönlichkeit Bewusstseinsschichten des Menschen anzusprechen, welche vormals gesellschaftlich tabuisiert waren, findet einen weiteren kausalen Zusammenhang in den psychologischen Forschungen des 18. Jahrhunderts. Der Arzt Franz Anton Mesmer(92) gehörte zu den ersten Pionieren bei der Analyse von Träumen und des menschlichen Unterbewusstseins allgemein. Hypnose wurde dabei als Hauptansatz zur Entschlüsselung des Unterbewusstseins genutzt. Daraus ging ein Modell des menschlichen Geistes hervor, welches jedem Menschen eine Anzahl von "subpersonalities"(93) unterstellte, welche nicht durch das Bewusstsein steuerbar sind. Dieser Dualismus von bewussten und unterbewussten Trieben wird besonders bei dem Motiv des Doppelgängers deutlich, auf welches später bei Betrachtung der Figur des Frankenstein noch näher eingegangen werden wird. Unter Berücksichtigung dieser Forschungen fungiert der Gothic Villain als Doppelgänger für Autor und Leser. Stellvertretend für diese lebt er die düstersten und perversesten Gelüste, welche im menschlichen Unterbewusstsein schlummern, im Romangeschehen aus. Er spiegelt die Problematik der Innerlichkeit und des Traumes wieder, "in dem der Mensch seine eigene Angst, das Böse seiner Person als Nachtseite seines Wesens hinausprojiziert in eine Welt des Schreckens, die seine eigene Innenwelt ist."(94)
Der Gothic Villain ist also Projektionsfläche für Bewunderung und Abscheu, Nachahmungs-Fantasien und Furcht. Damit ist er Ausdruck der widersprüchlichen Gefühle der Menschen des 18. Jahrhunderts, in welchem sich bürgerliche Moral und aristokratischer Libertinismus, sowie ‚reason' und ‚fancy' kontradiktorisch gegenüberstanden.