Der Gothic Villain als Motor einer Welt des Terrors

Der Gothic Villain, mit seiner amoralischen Handlungsweise und seiner düsteren Erhabenheit, ist der Gegenspieler der ‚romantic heroine' und damit Träger der Handlung. Er ist das personifizierte Böse, welches unweigerlich auch auf seine Umgebung abfärbt. Dort, wo er präsent ist oder vermutet wird, scheint eine Aura des Terrors allgegenwärtig zu sein. Denn was wäre im Schauerroman ein dunkler Wald ohne die Gefahr der lauernden Banditen, ein dunkler Kerker ohne Kerkermeister oder ein Schloss ohne tyrannischen Herrscher?
Der Gothic Villain belebt und beseelt die Welt um ihn herum und bildet mit ihr eine atmosphärische Einheit. Dies wird besonders bei dem Vergleich zu seiner Burg deutlich. Udolpho erweckt wie Montoni Gefühle der Faszination und Ehrfurcht beim Betrachter, so dass Emily das "gloomy and sublime object"(43) wie paralysiert in "melancholy awe"(44) betrachtet. Durch Radcliffes Beschreibung der Burg, welche dem Leser fast als lebendiges Wesen erscheint, gibt sie gleichzeitig eine Kurzbeschreibung der wichtigsten Charaktereigenschaften des Gothic Villain Montoni: "Silent, lonely and sublime, it seemed to stand the sovereign of the scene, and to frown defiance on all, who dared to invade its solitary reign.(45) Dabei können Udolphos "mouldering walls of dark grey stone"(46) als Sinnbild des vorprogrammierten Niedergangs des Schurken gesehen werden. Wie Kriege und der Zahn der Zeit die Mauern der Burg langsam verfallen lassen, so wird auch Montoni durch seine amoralische Lebensweise, in welcher er sich wie Miltons Satan voller Stolz und Trotz über alle anderen Menschen stellt, einst zu Fall gebracht werden.
Wie eng die Bedrohlichkeit der Atmosphäre eines Ortes mit der Figur des Schurken verbunden ist, wird noch deutlicher, wenn man verschiedene Aspekte der Burg mit weiteren Charaktereigenschaften des Villains vergleicht. Udolpho ist ein düsterer Ort voller schrecklicher Geheimnisse wie Folterkammern, einem mit schwarzem Stoff verhängtem Gemälde und Geheimgängen. Auch der Gothic Villain ist stets Träger vieler Geheimnisse, wobei insbesondere seine Vergangenheit meist im Dunkeln liegt. In Udolpho gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, von einem Ort zum anderen zu gelangen, was der Burg auch durch die Größe des Bauwerkes eine labyrinthische Dimension verleiht. Diese Verworrenheit der Gänge spiegelt natürlich auch den komplexen Charakter des Schurken wider, dessen Motive von seinen Gegenspielern nie leicht zu durchschauen sind. So kommt es mehr als einmal vor, dass Emily von Montoni überrascht wird, als dieser unvermutet aus einer Seitenpassage tritt. "Udolpho erhält [also] einen Großteil seiner bedrückenden Atmosphäre dadurch, dass es von Montoni beherrscht wird und Züge seiner Persönlichkeit, wie Emily sie wahrnimmt, widerspiegelt."(47)
Montoni nimmt in diesem Zusammenhang viele Rollen ein, welche Gefühle des Terrors bei seinem Opfer hervorrufen oder verstärken. Emily ist sich bewusst, dass sie in einem einsam gelegenen Schloss eines fremden Landes, "surrounded by vice and violence"(48), ihr Dasein fristen muss. Eines abends hört sie wie Montoni mit seiner Diebesbande ins Schloss zurückkehrt: "Emily, in her remote chamber, heard their loud shouts and strains of exultation, like the orgies of furies over some horrid sacrifice."(49) Die Bildlichkeit einer Höllenszenerie, in welcher die Räuber in Emilys Fantasie zu Dämonen(50) werden, lassen Montoni in seiner Rolle als Anführer der Banditen zu einer Satansfigur werden. Er ist der Kopf der Höllenbrut und somit ein fleisch gewordener Alptraum für Emily.
Eine Burg mit ihren Kerkern und unterirdischen Gängen ist auch immer Ausdruck der menschlichen Angst vor Freiheitsberaubung und Einkerkerung. Der Gothic Villain repräsentiert die Angst des Bürgertums vor nicht legitimer Machtausübung und Gewalt des Adels, welcher sich, hinter dem Bollwerk seiner Schlossmauern residierend, über Gesetze, Moral und Vernunft hinwegsetzt und somit eine ständige Bedrohung durch soziale Desintegration darstellt.(51) Die Architekturfantasien der Carceri(52), des zur Zeit Radcliffes lebenden italienischen Künstlers und Architekten Giovanni Battista Piranesi, verbildlichen solche Ängste vor kerkerartigen oder unterirdischen Räumlichkeiten. Seit den siebziger Jahren wird bei der Interdependenz von Raum und Figur bei psychologisierenden Untersuchungen in Zusammenhang mit der Bilderfolge Piranesis und den Schauerromanen das ‚Gothic setting' als Handlungsträger verstanden.(53) Es sind jedoch immer die Personen, welche mit einem bestimmten Ort in Verbindung gebracht werden und diesen mit wahrem Schrecken füllen. So muss Emily voller Entsetzen feststellen, dass die Tür zu dem ihr zugewiesenen Raum in Udolpho nur von außen verschließbar ist. Dies wäre weiter kein Grund zur Besorgnis, wüsste sie nicht, dass ein skrupelloser Schurke ihr Zimmer durch diese Begebenheit jederzeit in eine Zelle verwandeln könnte. Ein weiteres konstituierendes Motiv des Schauerromans, das Eingesperrtsein bzw. das Gefängnis, ist also direkt mit der Person des Gothic Villain verbunden.(54) Im Peiniger-Opfer Verhältnis wird Montoni für Emily zum Kerkermeister. Und auch hier zeigt sich eine Parallele zwischen dem Villain und seiner Behausung. Während Montoni in seiner Rolle als amoralischer Erpresser alles zugetraut wird, scheint allein der Anblick von Udolpho ebenfalls auszureichen, um sich die schrecklichsten Dinge auszumalen: "Its massy and gloomy walls gave her terrible ideas of imprisonment and suffering."(55)
Gleichgültig, ob Montoni innerhalb seines Machtbereiches in die Rolle eines aristokratischen Verbrechers, eines Teufels inmitten seiner Handlanger oder eines unbarmherzigen Kerkermeisters schlüpt, transformiert er die passive Gefahr seines mittelalterlichen Schlosses in eine aktive Gefahr. Besonders im Kontrast zu Emilys Heimat LaVallée, welches Radcliffe als "retreat of goodness, wisdom and domestic blessedness"(56) bezeichnet und welches direkt mit der Figur ihres tugendhaften Vaters verbunden ist, wird diese Beseelung von Orten durch die Charktereigenschaften ihrer Bewohner deutlich. Über hundert Jahre nach der Veröffentlichung von The Mysteries of Udolpho beschreibt Bram Stoker in seinem Briefroman Dracula ein ähnliches Verhältnis von Gothic Villain und seiner Burg. Das Schloss des Grafen ist bereits geographisch als Gefängnis angelegt, da es an drei Seiten von einer Schlucht begrenzt wird und nur durch das Haupttor zu betreten oder zu verlassen ist. Dracula wird damit zum dämonischen Kerkermeister des Jonathan Harker. Der Einflussbereich des Grafen reicht in diesem Fall jedoch bis vor seine Schlossmauern. Vor der Burg heulen blutrünstige Wölfe, welche in ihrem Blutdurst den Bewohnern des Schlosses in nichts nachstehen. Durch seine Fähigkeit die Gestalt eines Wolfes, einer Fledermaus oder die des Nebels anzunehmen, ist Dracula zur Nachtzeit in der Lage, viele Orte mit Angst und Schrecken zu erfüllen, womit die Nacht selbst als Exklave des Schlosses zum bedrohlichen Konzept und Verbündeten des Villains und seiner sinistren Machenschaften wird. Die Burg des Gothic Villain ist demnach durchaus auch als abstraktes Konzept eines Ortes zu verstehen, einer Schattenwelt, in welcher der Gothic Villain uneingeschränkte Macht ausüben kann. Das Labor des Victor Frankenstein bekommt seine unheimliche Atmosphäre erst durch dessen wahnsinnige Machenschaften: "In a solitary chamber, or rather cell, […], I kept my workshop of filthy creation."(57) Für Caleb Williams wird durch Falkland, seinen unnachgiebigen Verfolger, und dessen Einfluss sogar ganz England zu einer "claustrophobic torture-cell."(58)