Der Gothic Villain und die Naturgewalten

Wie bereits erwähnt, beschreibt Ann Radcliffe in The Mysteries of Udolpho die Natur poetisiert, so wie man sie auf einem Gemälde nach den Prinzipien der Landschaftsmalerei finden würde, um einen ‚malerischen' Hintergrund für ihre Geschichte zu schaffen.(59) Jede ihrer Beschreibungen gründet sich außerdem auf dem Gefühl der ‚sensibility'(60) sowie einer damit verbundenen naturliebenden und ehrfurchtsvollen Grundeinstellung zum Leben. So wird der Leser im Verlauf des Romans vom ‚locus amoenus', der pastoralen und friedlichen Umgebung von LaVallée, zum ‚locus horribilis', der wilden und erhabenen Gebirgslandschaft um die düstere Burg Udolpho, und wieder zurück geführt.
Die Natur ist dabei mit dem Gothic Villain auf literarischer Ebene in vielerlei Hinsicht verbunden. Emilys Gedanken an ihr idyllisches Heim, LaVallée, sind unweigerlich auch mit der gutmütigen und naturliebenden Figur ihres Vaters verbunden. So setzt Radcliffe die Natur bei der Beschreibung der bedrohlichen Gebirgswelt der Appenninen ebenfalls symbolisch ein, um Emilys Ängste bezüglich einer Zukunft unter der Autorität von Montoni zu reflektieren und um im Sinne der Spannungssteigerung auf kommende, potentiell schreckliche Ereignisse zu verweisen:(61) "[…] she saw only images of gloomy grandeur, or of dreadful sublimity, around her; other images, equally gloomy and equally terrible, gleamed on her imagination."(62) Diese Verbindung zwischen Greueltaten von Schurken und dem Aufruhr der Elemente ist in allen Gothic Novels wiederzufinden. Maturin beschreibt diese Begebenheit auf eine philosophisch-nüchterne Weise durch den ‚stream of consciousness' seines Protagonisten John Melmoth:
Terror is very fond of associations; we love to connect the agitation of the elements with the agitated life of man; and never did a blast roar, or a gleam of lightning flash, that was not connected in the imagination of some one, with a calamity that was to be dreaded, deprecated, or endured, - with the fate of the living, or the destination of the dead.(63)

Die Wurzeln dieser menschlichen Vorstellung von der Widerspiegelung übernatürlicher Begebenheiten in der Natur und im Wetter sind weit in der Vergangenheit zu suchen. In der griechischen Sagenwelt wurde beispielsweise ein Unwetter mit seinen elektrischen Entladungen als Zeichen für den Zorn des blitzeschwingenden Göttervater Zeus gedeutet. Eine Symbolik, welche in Mary Shelleys Frankenstein immer wieder Verwendung findet. Die Macht der Blitze wird hier zunächst zu Victors Verbündetem, um sein künstliches Monster zum Leben zu erwecken und dieses symbolisch mit der Macht eines Schöpfergottes zu durchdringen.(64) Doch im Verlauf des Romans kündigen Unwetter und Blitze von der Nähe des entlaufenden Monsters zu seinem Schöpfer, und sind somit Vorboten des Unheils.(65) Als Victor in seiner Hochzeitsnacht mit seiner Elisabeth im Glück schwelgt, scheinen die Kräfte der Natur wohlwollend gestimmt zu sein: "What a divine day! How happy and serene all nature appears!"(66) Doch kurz bevor das Monster die Harmonie zerstört und Elisabeth tötet "suddenly a heavy storm of rain descended".(67)
Bei Ann Radcliffes Werken ist ein direkterer Bezug zu den zeitlich näher gelegenen Werken von Shakespeare zu suchen, in welchen Radcliffe wohl bewandert war. Auch in diesen wurden Untaten bei Gewitter und dem Aufruhr der Elemente geplant und ausgeführt. Als beispielsweise Macbeth den schottischen König Duncan tötet, erfährt der Leser durch Lennox, dass sich dies auch im Wetter widergespiegelt hat:

The night has been unruly: where we lay
Our chimneys were blown down, and, as they say,
Lamentings heard i'th'air; strange screams of death,
And prophesying with accents terrible
Of dire combustions and confused events
New-hatched to th' woeful time. The obscure bird
Clamoured the livelong night. Some say the earth
Was feverous and did shake.(68)

Auch wenn in der Gothic Novel ein Sturm nicht mehr unbedingt eine Störung der Weltordnung, eine Korruption der ‚chain of being'(69) im globalen Sinne bedeuten muss, so erschüttert doch häufig im richtigen Moment ein Blitz das Fundament des Schlosses des Schurken und deutet damit auf die Existenz von übernatürlichen und boshaften Kräften hin."(70) Der Gothic Villain scheint auf mystische Weise mit dem Wetter verbündet zu sein. "The writers of ‚Gothic' gave to the English novel the technique of dark impressionistic portrayal of Nature and the power of harmonizing tempests of the soul with external storms."(71) Man könnte sagen, dass eine Korrelation zwischen Mikro- und Makrokosmos besteht, zwischen der Amoralität des Schurken einerseits und dem Aufbegehren der Elemente im Wetter andererseits.
In der Nacht, in welcher Emilys Tante nach langer Einkerkerung stirbt, bricht ein Unwetter über das Land herein "that seemed to shake the castle to its foundation."(72) In der Fantasie des Lesers fährt die gequälte Seele der gepeinigten Frau unter Donnergrollen ins Reich der Toten. Gleichzeitig scheinen die Wolken auf den kommenden Zorn Montonis hinzudeuten, welcher Emilys Tante nun nicht mehr zu einer Unterschrift zur Übereignung ihres Besitzes zwingen kann: "[…] the accumulating clouds, entirely concealing the moon, assumed a red sulphureous tinge, that foretold a violent storm."(73) Die rotgefärbten Wolken können an dieser Stelle als Zeichen der Verderbtheit Montonis gesehen werden, welcher keine "diabolical means"(74) scheut, um alles zu bekommen, was er sich in den Sinn gesetzt hat. Als sich Emily später weigert die wichtigen Papiere nun an ihrer Tante statt zu unterzeichnen, leistet Montoni einen schrecklichen Schwur: "Then all my vengeance falls upon you."(75) Dieser scheint Emily wie ein Fluch überall hin zu folgen und findet über ihre Gefühle auch eine Manifestation in der Natur. Denn als Emily sich im späteren Handlungsverlauf von Montonis vermeintlichen Meuchelmördern umringt glaubt, erscheint ihr die nähere Umgebung menschenfeindlich und unheilvoll:
[…] heavy clouds, whose lower skirts were tinged with sulphureous crimson, lingered in the west, and threw a reddish tint upon the pine forests, which sent forth a solemn sound, as the breeze rolled over them. The hollow moan struck upon Emily's heart, and served to render more gloomy and terrific every object around her, - the mountains, shaded in twilight - the gleaming torrent, hoarsely roaring - the black forests, and the deep glen, broken into rocky recesses, high overshadowed by cypresses and sycamore and winding into long obscurity.(76)

Dies könnte beinahe eine Beschreibung der Hölle im inferno von Dante Alighieris Divina Commedia sein. So färbt der Gothic Villain mit seinen satanischen Zügen in der Vorstellung des Opfers auch auf dessen Umgebung ab und erhöht die Spannung für den Leser.