Religiöser Terror und Aberglaube

Der Autor einer Gothic Novel konnte es sich nicht leisten, über uninteressante Dinge zu schreiben.(165) Einige gehörten zu den ‚pot-boiler authors'(166) und mussten sich durch das Schreiben den Lebensunterhalt verdienen. Adelige und reiche Autoren wie Horace Walpole oder Matthew Lewis(167) wurden vermutlich eher durch das menschliche Bedürfnis nach Anerkennung motiviert, einen spannenden Roman zu verfassen. Wie bereits erwähnt, entstand das so wichtige Spannungspotential eines Romans in der Hochzeit der Gothic Novels durch die Konstruktion einer Atmosphäre des Erhabenen und die Rückwendung zum mystischen, dunklen Mittelalter. Kirchen und Klöster sind für beide Elemente des Spannungsaufbaus bestens geeignet. Im Schauerroman gehören zu einer Kirche auch immer unterirdische Gänge, vermodernde Krypten und die Kerker der Inquisition mit all ihren Schrecken.(168) Durch dieses ‚setting', die Frömmigkeit der wichtigsten Charaktere und sensationelle, religiöse Zeremonien wird eine Atmosphäre des ‚pseudo-medievalism' erzeugt.(169) Ein Gefühl der Erhabenheit ist außerdem inhärent mit einem Kloster oder einer Kirche verbunden, da beide als Anbetungsstätten des Allmächtigen fungieren.

In der Figur des ‚wicked monk', dem Gothic Villain Ambrosio, kommen alle diese Aspekte in personifizierter Form zusammen: "The passion of the romanticists for the past found in the monk a suitable character, in whose heart deep human conflicts could be laid, making of it a stage for the struggle between good and evil for the ultimate mastery of the human soul."(170) Außerdem ist der Schurke die Summe aller Ängste des Volkes die machtvolle Institution der Kirche betreffend. Der Aberglaube und das Misstrauen gegenüber dem Katholizismus konnte von Lewis so besonders durch die Figur seines Gothic Villain instrumentalisiert und zur Verstärkung der Gefühle des Horrors genutzt werden.
Ambrosio ist im Roman strahlender Mittelpunkt des katholischen Glaubens für die Bewohner der Stadt und steht somit im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit. Sein Sturz in den Abgrund, nachdem er seinen Trieben verfallen ist, erfolgt dementsprechend aus großer Höhe und für alle sichtbar.(171) Die nicht zu leugnende Parallele zu Miltons Satan verhilft dem Mönch zu einer Aura der Erhabenheit. Doch während der rebellische Satan in seiner Opferrolle als gefallener Engel gewisse Symphatien hervorruft, ist es dem Leser unmöglich Mitleid mit einem Mönch zu empfinden, welcher seine eigene Schwester vergewaltigt und später diese und seine eigene Mutter tötet. Der ‚wicked monk' ist so konzepiert, dass er trotz seiner inneren Gewissenskonflikte lediglich Abscheu und Hass im Betrachter erzeugt und damit stark an die Oberflächlichkeit der mittelalterlichen ‚vice figures'(172) erinnert. Diese Schwarz-Weiß-Malerei ist jedoch typisch für die Gothic Novel, da sie Gut und Böse klar voneinander trennt und im Kontrast das Böse zum Amusement des Lesers noch furchterregender erscheinen lässt. Die Figuren der Schauerromane werden dehalb häufig entweder mit Teufeln(173) oder Engeln(174) verglichen.
Die Einseitigkeit in der Darstellung des absolut Bösen in Gestalt des lüsternen Mönches verhilft Lewis' Roman zu einer Intensität der Furcht und des vergnüglichen Horrors, welche von einer Gothic Novel erwartet, doch nur von den wenigsten in dieser Tragweite erreicht wurde. Die Betrachtung des Teufels als Mönch im germanischen Sprachraum war nach der Reformation das Ergebnis eines protestantischen, anti-klerikalen Gefühls; Luther erklärte sogar, dass das Gewand des Teufels die Mönchsrobe sei.(175) Es wundert also kaum, dass The Monk zu seiner Zeit ein äußerst erfolgreiches aber durch seine äußerst negative Darstellung der katholischen Kirche auch ein besonders skandalöses Werk war, welches in den nachfolgenden Jahren für lange Zeit auf der Liste der verbotenen Bücher(176) geführt wurde.

In The Monk wird die gesamte Institution der katholischen Kirche, welche für das reine Gute stehen sollte, als Fassade für das dahinter lauernde Böse dargestellt. Böse Nonnen und Mönche leben hier in dunklen Klöstern, welche unter der Herrschaft ihres jeweiligen Oberhauptes häufig zu Schauplätzen der schrecklichsten Verbrechen werden. Die böse Äbtissin wird für den Leser zur Gothic Villainess als sie droht Lorenzos Schwester Agnes zu vergiften, weil diese ein Kind erwartet. Sie wird als "monastic tyrant"(177) und "merciless enemy"(178) betitelt und steht Ambrosio in ihrer Morallosigkeit in nichts nach. Dieser benutzt eine unterirdische Krypta, um die unschuldige Antonia zu vergewaltigen und zu töten, während die Äbtissin ebenfalls als Herrin über Leben und Tot in ihrem Kloster fungiert und andere Nonnen foltert, einsperrt und zu Tode hungern lässt. Wie die anderen Geistlichen des Romans versteht sie es, die Außenwelt mit dem scheinbar makellosen Ruf der katholischen Kirche zu blenden, was besonders durch die Szenerie einer Prozession durch die Stadt deutlich wird: "Her countenance calm and tranquil seemed abstracted from all sublunary things, and no feature betrayed her secret pride at displaying the pomp and opulence of her convent."(179) Auch Ambrosio hätte niemand seine Greultaten zugetraut, würde er nicht inflagranti dabei ertappt und als "viper"(180) entlarvt. Durch diesen Kontrast einer "outward show of spiritual benevolence and an inner reality of selfish passion"(181) erreicht Lewis eine spannungsgeladene Atmosphäre im Roman: "[…] Vice is ever most dangerous when lurking behind the Mask of Virtue."(182)
Seine negative Einstellung zum Monastismus scheint seine gezielte Kritik am Katholizismus zu bestätigen. Er beschreibt Klöster als Orte des Schreckens: "[…] how dreadful are the abodes so falsely termed religious."(183) Die "horrors of a convent"(184) und besonders die "monotony of a convent"(185) scheinen in der Romanwelt lediglich dafür ausgelegt zu sein, die menschlichen Triebe künstlich zu unterdrücken und somit Monster wie Ambrosio hervorzubringen. In diesem protestantisch gefärbten Kontext erscheint der Mönch nun eher als hilfloses und passives Opfer einer repressiven, religiösen Umgebung, dessen Agressionen und Triebe Ergebnis des Kosterlebens sind und in der Geschichte seiner satanischen Verfolgung allegorisiert werden.(186)
So wie Ambrosio immer mehr die Rolle eines leibhaftigen Teufels annimmt, so sind die Klöster im Roman analog dazu furchtbare Orte, welche von Lewis mit der Bildlichkeit einer Hölle beschrieben werden. In einem großen Aufruhr wird die böse Äbtissin buchstäblich vom Volk in Stücke gerissen und ihr Kloster niedergebrannt. Das Stöhnen und die Schreie der Opfer in den Flammen lassen den Leser an Dämonen im Höllenfeuer denken: "Nothing was to be heard but shrieks and groans; The Convent was wrapped in flames, and the whole presented a scene of devastation and horror."(187)
Durch Lewis' Gleichsetzung der Kirche mit dem Diabolischen ist er zu seiner Zeit sehr in Verruf geraten. Die protestantische und damit anti-katholische Grundeinstellung, welche er durch seinen Roman vermittelt, scheint intendiert gewesen zu sein, da er die Reaktion seiner Umwelt bereits in seinem Werk zu antizipieren schien:
An Author, wether good or bad, or between both, is an Animal whom every body is privileged to attack; For though All are not able to write books, all conceive themselves able to judge them. A bad composition carries with it its own punishment, contempt and ridicule. A good one excites envy, and entails upon its Author a thousand mortifications. […] They maliciously rake out from obscurity every little circumstance, which may throw ridicule upon his private character or conduct, and aim at wounding the Man, since They cannot hurt the Writer.(188)

Bei seinen vielen Angriffen gegen die Institution der Kirche, seien diese nun im Detail intendiert gewesen oder nicht, prangert Lewis aber besonders das gemeine Volk an, welches sich durch seine Leichtgläubigkeit und seinen Aberglauben zum Spielball des religiösen Terrors der Kirche werden lässt. Dies macht er im Verlauf des Romans immer wieder an einigen Textpassagen bei der Beschreibung von bestimmten Charakteren deutlich: "Dame Jacintha was a plain good kind of Woman, charitable, generous, and devout: But her intellects were weak, and she was a Miserable Slave to fear and superstition."(189) Während er sich damit in seiner Rolle als Dichter und Autor über das gemeine Volk erhebt und sich von diesem abgrenzt, achtet er dennoch darauf, das Thema auch komödiantisch zu verarbeiten, um nicht allzusehr ins Kreuzfeuer der Öffentlichkeit zu geraten. Als eine der abergläubischen Personen im Buch zugibt, am Freitag entgegen der katholischen Doktrin Fleisch zu essen, reagiert eine Andere zum Amusement des Lesers mit einer an Lächerlichkeit grenzenden, übertriebenen Empörung: "God protect us! A poor ignorant sinful soul! I protest to your Holiness, I trembled to hear her utter such blasphemies, and expected every moment to see the ground open and swallow her up, Chicken and all!"(190) In diesem Zusammenhang kann der Gothic Villain wie die Inquisition, welche als Standardquelle für Horror in der Gothic Novel gilt(191), als exekutive Gewalt des religiösen Terrors gesehen werden. Als Ambrosio zu Beginn der Erzählung eine leidenschaftliche Predigt über die Sünde hält, wird deutlich wie der Aberglaube und die Angst der Menschen zu früheren Zeiten durch die Institution der Kirche und ihrer Vorsteher dirigiert wurden: His voice at once distinct and deep was fraught with all the terrors of the Tempest, while he inveighed against the vices of humanity, and described the punishments reserved for them in a future state. Every Hearer looked back upon his past offences, and trembled: The Thunder seemed to roll, whose bolt was destined to crush him, and the abyss of eternal destruction to open before his feet.(192)

Der ‚wicked monk' ist dabei der Hauptgrund für die Spannung und die Ängste des Lesers, da er zum Instrumentarium der von Lewis als heuchlerisch beschriebenen Institution der Kirche gehört: " […] among those who chaunted the praises of their god so sweetly, there were some who cloaked with devotion the foulest sins, […]."(193) Der Schurke nimmt eine Sonderrolle ein, da er so verderbt und triebgesteuert ist, dass er nicht einmal durch die damals wirkungsvollen Schranken der Moral und der Religion gezähmt werden kann: " […] Religion's barriers were too feeble to resist the over-whelming torrent of his desires. All impediments yielded before the force of his temperament, warm, sanguine, and voluptuous in the excess."(194) Hier findet sich neben einem erneuten Seitenhieb gegen die Religion und ihre Unfähigkeit den Menschen und seine Triebe wirkungsvoll zu kontrollieren, ebenfalls ein Fingerzeig Lewis', dass unkontrollierte Triebe, besonders die Fleischeslust, Menschen ins Verderben führen können.(195)