Der Gothic Villain und das Element der ,sensibility'

Während der Periode der englischen Romantik ist besonders das Element der Empfindsamkeit, des ‚feeling heart', ein weitverbreitetes Motiv der Literatur. In The Mysteries of Udolpho übt Ann Radcliffe jedoch fortwährend Kritik an übersteigerter Empfindsamkeit, um ihr Werk nicht ins Augenmerk der machthabenden Autoritäten zu rücken, da Abkehr von Vernunft hin zum ‚sympathetic heart' um die Zeit der französischen Revolution als revolutionäres Gedankengut(29) gedeutet werden konnte. So bekommt Emily von ihrem sterbenden Vater, welcher sich an der ‚threshold eternal'(30) befindet, den Ratschlag:
Do not indulge in the pride of fine feeling, the romantic error of amiable minds. Those, who really possess sensibility, ought early to be taught, that it is a dangerous quality, which is continually extracting the excess of misery, or delight, from every surrounding circumstance.(31)

Diese weisen und prophetischen Worte wird Emily St. Aubert im Verlauf des Romans nur selten befolgen und bietet so mit ihrer großen Empfindsamkeit einen perfekten Resonanzkörper für die düstere Erhabenheit Montonis, wodurch sie dem Leser als Ebenbild, der vom Gothic Villain verfolgten und gepeinigten ‚romantic heroine', erscheint. Ihre ‚sensibility' wirkt dabei als verstärkender Faktor ihrer Wahrnehmung des Erhabenen, was besonders bei Emilys Naturbetrachtungen deutlich wird: "The gloom of these shades, […], the tremendous precipices of the mountains, […], each assisted to raise the solemnity of Emilys feelings into awe; she saw only images of gloomy grandeur, or of dreadful sublimity, around her."(32) Montoni fungiert hier ähnlich wie die Natur selbst als Emitter erhabener Gefühlseindrücke, während sein Opfer Emily als Empfängerin diese Eindrücke beinahe magnetisch anzuziehen scheint.
Als ein "captain of banditti"(33) mit allen assoziierten Sünden wie Spielsucht und absoluter Morallosigkeit steht Montoni außerhalb der Gesellschaft: "Delighting in the tumult and in the struggles of life, he was equally a stranger to pity and to fear."(34) Als sich Emily vollkommen in Montonis Gewalt befindet und dieser eine Unterschrift für eine Besitzurkunde von ihr erpressen will, wird dem Leser das beängstigende Ausmaß des Opfer-Peiniger Verhältnisses deutlich vor Augen geführt: "You speak like a heroine, […], we shall see wether you can suffer like one."(35) Diese Kluft zwischen der unschuldigen und tugendhaften Emily und dem jenseits der Regeln der Gesellschaft und der Moral operierenden Montoni lässt diesen als Gothic Villain besonders machtvoll und per Burkes Definition erhaben erscheinen. Er ist folglich wichtigstes Instrumentarium in einem Werk, welches den Leser durch die Konstruktion einer Atmosphäre des Mystischen und Unbegreiflichen, des Erhabenen also, in vergnügliches Schaudern versetzen sollte. Das Moment der ‚sensibility' spielt dabei, wie gezeigt, eine Schlüsselrolle, was sich auch durch eine Aussage einer Nonne in Radcliffes Roman belegen lässt: "[…] the passions are the seeds of vices as well as virtues, from which either may spring, accordingly as they are nurtured."(36) Diese wahnsinnig gewordene Gothic Villainess, Schwester Agnes, welche an ihrem Lebensabend von Reue erfasst wird, lässt Emily am Ende des Romans an ihrer Lebenserfahrung teilhaben und verdeutlicht ihr und dem Leser noch einmal das Verhältnis von großer Empfindsamkeit und einer möglichen Hinwendung zum Bösen, wie es der zügellose Montoni praktiziert hatte:
Sister! Beware of the first indulgence of the passions; […]. Their course if not checked then is rapid - their force uncontrollable - they lead us we know not wither - they lead us perhaps to the commission of crimes, for which whole years of prayer and penitence cannot atone! Such may be the force of even a single passion, that it overcomes every other, and sears up every other approach to the heart. Possessing us like a fiend, it leads us on to the acts of a fiend, making us insensible to pity and to conscience.(37)

Somit hat Radcliffe die ‚Empfindsamkeit' in Verbindung mit dem Gothic Villain dazu genutzt, um dessen Erhabenheit im Roman zu verstärken und gleichzeitig die möglichen Gefahren für die Gesellschaft aufzuzeigen. Eine Haltung, welche sie eingedenk ihrer Position als weibliche Schriftstellerin und der Periode der franz. Revolution in gewisser Hinsicht einzunehmen gezwungen war. In späteren Gothic Novels ist die Erhabenheit der Villains immer wieder ein zentraler Punkt des Romangeschehens, obgleich sie von verschiedenen Autoren unterschiedlich erzeugt und eingesetzt wird. Während Montoni durch seine Gier nach Macht und Reichtum und sein damit verbundenes moralloses Verhalten eine erhabene Stellung im Roman erreicht, trachten andere Gothic Villains wie St. Leon oder Ambrosio danach, ihre Kräfte mit denen des Übernatürlichen und Bösen zu verbinden, um sich über den Rest der Menschheit stellen zu können.(38) In der Gothic/Radical Novel Caleb Williams führt Falklands auf Ruhm und Reichtum gegründete Machtposition in der Gesellschaft dazu, dass dieser sich gegenüber seinem Opfer Caleb Williams wie ein Gott inszenieren kann:
Why do you trifle with me? You little suspect the extent of my power. […] You might as well think of escaping from the power of the omnipresent god, as from mine! If you could touch so much as my finger, you should expiate it in hours and months and years of a torment of which as yet you have not the remotest idea!(39)

Falkland gilt unter seinen Mitmenschen als "most exalted of mortals, the wisest and most generous of men".(40) Besonders seine geistigen Qualitäten, welche er in Form seiner Redegewandtheit benutzt, um das Geheimnis seines Mordes an Tyrell zu bewahren und die Menschen zu manipulieren, machen ihn zu einem Quell der Erhabenheit, wie auch sein Diener Caleb Williams erkennen muss: "Thy intellectual powers were truly sublime, and thy bosom burned with a godlike ambition."(41) Godwin macht dabei gleichzeitig auf die Gefahr aufmerksam, welche mit einer falschen Ausrichtung und verantwortungslosen Anwendung dieser Macht einhergehen kann:
But of what use are talents and sentiments in the corrupt wilderness of human society? It is rank and rotten soil from which every finer shrub draws poison as it grows. All that in happier field and purer air would expand into virtue and germinate into general usefulness, is thus converted into henbane and deadly nightshade.(42)

Die Erhabenheit wird vom Utilitaristen Godwin in erster Linie politisch funktionalisiert, um Machtmissbrauch und ungleich verteilte Reichtümer und damit verbundene ungerechte Autoritätsverhältnisse aufzuzeigen.