Der Stolz und andere Sünden

Der Schurke wird Opfer teuflischer Mächte, welche teilweise in ihm selbst ruhen oder auf übernatürliche Weise an ihn herangetragen werden. Oft ist er dabei Opfer und Peiniger zugleich. Der Mönch Ambrosio ist Verbrecher im Sinne eines Gothic Villain und gleichzeitig selbst dämonischen Kräften ausgeliefert,(106) wodurch sich seine anfängliche Macht schnell in Ohnmacht wandelt. Lewis' Gothic Novel zeigt auf schockierende Weise wie ein Mann, der den Ruf eines Heiligen hatte, sinnbildlich wie Luzifer aus großer Höhe in die Tiefe herabstürzt und dabei noch sechs Tage lang Tantalus-artige "tortures the most exquisite and insupportable"(107) erleidet, als Insekten seinen Körper fressen und er am siebten Tage endlich vom Fluss davongespült wird, um in die Hölle hinabzufahren. Ein Vergleich zwischen Miltons Satan und Ambrosio liegt nahe, da beide durch die Todsünde des Stolzes, welche nach der biblischen Schöpfungsgeschichte den Menschen einst das Paradies kostete, zu Fall gebracht werden. Schon bevor John Milton sein Paradise Lost schrieb, erzählten jüdische und christliche Schriften des Mittelalters vom obersten Engel der Heerscharen des Himmels, welcher mit majestätischer Erhabenheit zur rechten des Allmächtigen saß: "He was preeminent among all created beings in beauty, power and wisdom."(108) Der Stolz jedoch, welcher ihm aus diesen Attributen erwuchs, ließ ihn eines Tages Gottes Thron bei dessen Abwesenheit für sich beanspruchen. Im Angesicht dieser Sünde intervenierte der Erzengel Michael und verbannte Luzifer aus dem Himmel in einen schwarzen Abgrund.(109) Eine andere Version aus dem Talmud beschreibt, dass Satan eifersüchtig auf Gottes liebste Kreation, den Menschen, war. Voller Stolz weigerte er sich vor der neuen Schöpfung des Allmächtigen sein Haupt zu senken und drohte sogar damit, sich über Gott selbst zu stellen. Für diese Sünde warf ihn der Herr aus dem Himmel auf die Erde nieder.(110) Die Parallele zwischen Ambrosios Schicksal und dem des Teufels scheint von Lewis intendiert zu sein, denn im Zusammenhang mit dem mysteriösen Geheimnis seiner Herkunft erscheint er sinnbildlich selbst als gefallener Engel: "the common People say, that He fell from heaven."(111) Wie Luzifer gilt Ambrosio als schön und weise: "He was a man of noble port and commanding presence. His stature was lofty, and his features uncommonly handsome."(112) Dennoch scheint bei Betrachtung seiner Person gleichzeitig auch seine animalisch-dämonische Seite offenbar zu werden: "His Nose was aquiline, his eyes large black and sparkling, and his dark brows almost joined together."(113) Diese Stelle zeigt eine beinahe wölfische, lüsterne Seite, welche in dem Mönch schlummert. Durch diese hat der Teufel im weiteren Handlungsverlauf ein leichtes Spiel mit Ambrosio, da scheinbar von Anfang an ein amoralischer und lustbesessener Dämon in ihm darauf wartet, entfesselt zu werden. Die Geschichte um Ambrosio dreht sich also besonders um unterdrückte sexuelle Wünsche, welche als direktes Ergebnis des Klosterlebens dargestellt werden. Nach dem Sündenkatalog der mittelalterlichen Morallehre macht sich Ambrosio also besonders der ‚superbia' und der ‚luxuria' schuldig, deren übermäßige Ausübung per Definition eine Verneinung des göttlichen Willens und damit Ausübung des Bösen ist.(114) Diese beiden Sünden werden im Verlauf der Geschichte Ambrosios Untergang herbeiführen, wie auf einer Steintafel-Inschrift im Garten des Klosters bereits prophezeiht zu werden scheint: "For well I saw in Halls and Towers / That Lust and Pride, / The Arch-fiends's dearest darkest powers, / In state preside."(115) Abgeschirmt von der Boshaftigkeit der ihn umgebenden Welt ist Ambrosio von Mönchen im Kloster großgezogen worden, welche ihm die Schrecken der Hölle ausmalten, sollte er eine Verfehlung begehen.(116) Doch durch die damit verbundene, beinahe krankhafte Unterdrückung seines Triebpotentials wird Ambrosio ein noch leichteres Ziel für den Teufel. Im Gespräch mit Ambrosios Schwester Antonia summiert Lorenzo anschaulich die Gründe, warum Ambrosio diesen Kräften letztendlich erliegen muss: He is just at that period of life when the passions are most vigorous, unbridled, and despotic; His established reputation will mark him out to Seduction as an illustrious victim; Novelty will give additional charms to the allurements of pleasure; and even the talents with which Nature has endowed him will contribute to his ruin, by facilitating the means of obtaining his object. Very few would return victorious from a contest so severe.(117)

Dass Ambrosio der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz ist, obwohl er in ganz Madrid auf Grund "seiner asketischen Lebensführung und seiner Sittenstrenge wie ein Heiliger verehrt"(118) wird, macht folgende Textstelle deutlich, welche seine Eitelkeit und Selbstgefälligkeit zeigt: The Monks having attended their Abbot to the door of his Cell, He dismissed them with an air of conscious superiority, in which Humility's semblance combated with the reality of pride. He was no sooner alone, than He gave free loose to the indulgence of his vanity [...] He looked round him with exultation, and Pride told him loudly, that he was superior to the rest of his fellow-Creatures(119)

Diese ausgeprägte Selbstliebe und der damit vorprogrammierte Weg in den Ruin ist allen Gothic Villains zu eigen. Godwins St Leon bekommt von einem Fremden die Macht verliehen unbegrenzte Mengen Gold herzustellen und einen Trank zu brauen, der ewige Jugend schenkt. Doch der Versuch, seine Artefakte -den Stein der Weisen und das Elixier des Lebens- für das Wohl der Menschen einzusetzen, sind stets zum Scheitern verurteilt. Sein Stolz ist dabei der Schlüssel zu seinem Verderben. So erreicht seine Selbstglorifizierung im Roman ihren Höhepunkt, als er dem ungarischen Volk durch sein Gold wirtschaftlich wieder auf die Beine helfen möchte und sich dabei wie ein Gott inszeniert. Die Liebe, welche er den Menschen zukommen lässt, ist keines Falls altruistisch, sondern rein egoistisch: "Here it may be thought I had ascended to that sphere which it was fit the possessor of the philosopher's stone should fill, and reaped the rewards to which a man thus endowed ought to be forward to entitle himself."(120) Ein weiteres Beispiel ist der Kalif Vathek aus William Beckfords gleichnamigen Roman, welcher einen in verschiedene Themenbereiche aufgeteilten Palast besitzt, von denen jeder zur Befriedigung bestimmter Gelüste des Herrschers dient. Hier kann der Kalif der Völlerei, der Faulheit und anderen Todsünden frönen.(121) Doch erst beim Bau seines riesigen Turmes, welcher an den Turmbau zu Babylon erinnert, wird das Ausmaß seiner größten gelebten Todsünde deutlich:
His pride arrived at its height, when having ascended, for the first time, the fifteen hundred stairs of his tower, he cast his eyes below, and beheld men no larger than pismires; mountains, than shells; and cities, than bee-hives. The idea, which such an elevation inspired of his own grandeur, completely bewildered him: he was almost ready to adore himself; till, lifting his eyes upward, he saw the stars as high above him as they appeared when he stood on the surface of the earth.(122)

Jeder Gothic Villain arbeitet durch Gier, Wollust, doch meistens durch die Todsünde des Stolzes unaufhaltsam seinem Ende entgegen. Victor Frankenstein, welcher sich durch seine Hybris anmaßt, Gott in seiner Schöpferkraft gleichkommen und Leben erschaffen zu können, ahnt, dass er sich damit seine persönliche Nemesis, einen "Angel of Destruction"(123) erschaffen hat, welcher ihn vernichten wird. Meist stirbt der Schurke oder schlimmer noch, er wird wie im Fall von Ambrosio oder Melmoth vom Teufel zu unendlichen Qualen verdammt. Jedoch gibt es für den Gothic Villain der Radical Novel wie Frankenstein, welcher im dritten Teil dieser Arbeit besprochen werden soll, am Ende des Romans eine Art Katharsis in Form der Reue. Godwin liefert durch St Leon eine psychologische Erklärung dafür, dass der Stolz untrennbar mit dem Menschen verbunden ist, selbst wenn er in das Gewand der Tugend gekleidet ist, wie - analog dazu - auch der Teufel meist in harmloser oder verführerischer Form erscheint: "There is no enemy to virtue so fatal as a sense of degradation. Self-applause is our principle support in every liberal and elevated act of virtue."(124) Vom Teufel in Form der dämonischen und lüsternen Matilda verführt, wird Ambrosio durch seinen Stolz und seine Lust Schritt für Schritt selbst zu einer Incubus-Figur.(125) Auf seinem sprichwörtlichen Weg in den Abgrund macht er so im Verlauf des Romans auf moralischer Ebene eine furchtbare Transformation durch. Dem Satan gleichend, welcher ein "polymorphous individual"(126) ist, verwandelt sich Ambrosio innerlich, aber auch in der Wahrnehmung seiner Mitmenschen und der des Lesers. Sein ausbrechender innerer Dämon wird dabei früh von Lewis durch einen Traum Lorenzos antizipiert und verbildlicht: "His form was gigantic; His complexion was swarthy, His eyes fierce and terrible; his Mouth breathed out volumes of fire; and on his forehead was written in legible characters - ‚Pride! Lust! Inhumanity!'"(127) In der Szene vergewaltigt ein Dämon die unschuldige Antonia auf einem Altar und wird dann in einen brennenden Abgrund gezogen, während sein Opfer in den Himmel aufsteigt. Dies nimmt Antonias spätere Vergewaltigung durch Ambrosio, ihren Tod und dessen Fahrt zur Hölle vorweg.
Immer tiefer begibt sich der Mönch in die Fänge des Bösen, wodurch die letzten Beschränkungen durch die Moral von ihm abfallen: "frequent repititions made him familiar with sin, and his bosom became proof against the stings of Conscience."(128) Ambrosio wird dem Satan und seiner Denkweise im Verlauf der Handlung immer ähnlicher. So wie dieser von moralischer Reinheit und Unschuld wie magisch angezogen wird (besonders wenn diese wie im Fall Ambrosios nur oberflächlich ist), so wechselt auch Ambrosios Interesse von der ‚femme fatale' Matilda hin zur unschuldigen Antonia: How enchanting was the timid innocence of her eyes, and how different from the wanton expression, the wild luxurious fire, which sparkles in Matilda's! Oh! Sweeter must one kiss be snatched from the rosy lips of the First, than all the full and lustful favours bestowed so freely by the Second. Matilda gluts me with enjoyment even to loathing, forces me to her arms, apes the Harlot, and glories in her prostitution. Disgusting! Did she know the inexpressible charm of Modesty, how irrestistably it enthralls the heart of Man, how firmly it chains him to the Throne of Beauty […](129)

Langsam wird der von dunklen Mächten verführte Mönch selbst zum Peiniger und Verführer. Ambrosio nimmt begierig jede Gelegenheit wahr "of infusing corruption into Antonia's bosom."(130), bis er auch in seinem Verhalten durch seine maßlose Triebhaftigkeit immer mehr einem leibhaftigen Dämon ähnelt, welcher die Qualen seiner inneren Verderbtheit herausschreit: "He paced the chamber with disordered steps, howled with impotent fury, dashed himself violently against the walls, and indulged all the transports of rage and madness."(131) Als Ambrosio von Elvira dabei erwischt wird, wie er ihre Tochter Antonia vergewaltigen will, ist die Transformation des Mönches zum Teufel bereits soweit vollendet, dass er von ihr entsprechend betitelt wird: "Monster of Hypocrisy! […] I will unmask you, villain, and convince the Church what a Viper She cherishes in her bosom."(132) Zur Vervollständigung seiner Verwandlung zum personifizierten Teufel fehlt am Ende des Romans nur noch, dass er sich ganz seinen Sünden hingibt und sich voller Arroganz und Stolz über den Allmächtigen selbst zu stellen versucht, so wie es Satan vor seinem Fall selbst einst plante. Genau das verlangt der Teufel auch in Gestalt der Matilda von Ambrosio, damit er ihn zum Preis seiner Seele aus den Kerkern der Inquisition befreien kann: "Abandon a God, who has abandoned you, and raise yourself to the level of superior Beings!"(133)
Der Gothic Villain erfüllt hier für den Leser die Funktion als abschreckendes Beispiel für den kompromisslosen Verfall in die Sündhaftigkeit zu dienen und verweist dabei gleichzeitig besonders vehement auf die erste Todsünde, den Stolz. Lewis macht durch Ambrosio besonders auf die Gefahr aufmerksam, sich einer falschen Tugendhaftigkeit zu rühmen, welche nur ein Deckmantel für die latent vorhandene Schattenseite vieler Menschen ist. Kurz bevor er ihn zu ewigen Qualen als Strafe für seine Laster verbannt, bringt dies der Teufel für Ambrosio auf den Punkt: "Is pride then a virtue? […] I saw that you were virtuous from vanity, not principle, and I seized the fit moment of seduction […] Scarcely could I propose crimes so quick as you performed them."(134)