Das verbotene Wissen und der Teufelspakt

Mary Shelley lebte in einer in jeder Hinsicht revolutionären Zeit. Acht Jahre nach der französischen Revolution geboren, erlebte sie die industrielle Revolution im England des späten 18. und frühen 19. Jhr. mit. Es kann davon ausgegangen werden, dass das Streben der Menschen nach wissenschaftlichem und wirtschaftlichen Fortschritt die Erschaffung des Gothic Villain in ihrem Roman Frankenstein beeinflusst hat. Hier portraitiert sie einen Wissenschaftler, welcher davon besessen ist, um jeden Preis ein Mittel gegen Krankheit und Tod zu finden. Shelleys eigenes Leben war ebenfalls von vielen Unglücksfällen gezeichnet; sogar ihre Geburt begünstigte ein Fieber, an welchem ihre Mutter zehn Tage nach der Niederkunft starb. Die Bestrebungen Victors können also zu einem nicht unbedeutenden Teil auch als Projektion der Sehnsucht Mary Shelleys nach einer Welt ohne den Schrecken des Todes gesehen werden. Dass der wahnsinnige Wissenschaftler im Roman sogar bereit ist, neben wissenschaftlichen Bemühungen auch schwarze Magie zu praktizieren, um seinem Ziel näherzukommen, ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass Shelleys Eheman Percy Bysshe Shelley in seiner Jugend nekromantische Experimente auf Friedhöfen durchführte und sogar versuchte den Teufel in einem Chemielabor heraufzubeschwören.(225)
Die Wurzeln der Suche des Menschen nach allumfassendem Wissen reichen weit in die Vergangenheit zurück, da der Wunsch des Menschen, über sich selbst hinauszuwachsen, in seiner Natur verwurzelt ist.(226) Schon in den antiken Sagen gelüstete es normale Sterbliche stets nach dem Verbotenen, um den Beschränkungen ihres Lebens entkommen zu können. Tantalus verriet den Menschen Geheimnisse der Götter(227) und Prometheus brachte ihnen sogar das Feuer der Sonne.(228) Beide wurden von den Unsterblichen zu unendlichen Qualen verdammt, was zeigt, dass auch die Menschen der Antike das Streben nach dem Göttlichen als verwerflich ansahen. Besonders im Mittelalter erreichten diese Betrebungen ihren Höhepunkt, als Alchimisten versuchten, den Stein der Weisen und das Elixier des Lebens zu finden, um den natürlichen Feinden des Menschen -Armut und Tod- Einhalt zu gebieten. Diese Thematik und das damit verbundene Streben nach arkanem Wissen, welches Willaim Godwin als Grundstein für seinen Schauerroman Travels of St Leon benutzte, ist seit der immer wieder verarbeiteten Faust-Legende diabolisch assoziiert.(229) Der Wille die Geheimnisse der Natur zu entschlüsseln und Gott zu spielen wurde von der Kirche als unheiliger Akt der schwarzen Magie angesehen und mit einem Teufelspakt in Verbindung gebracht. Der Handel mit Beelzebub ist literarisch bis zu den antiken, heiligen Schriften der Perser zurückverfolgbar und damit vermutlich orientalischen Ursprungs.(230) Auch in späteren Schriften geht es dabei immer um den Wunsch der Menschen nach Reichtum, Wissen oder auch banaler Triebbefriedigung, um die natürlichen Grenzen des menschlichen Daseins sprengen zu können und so Herrschaft über die Welt zu erlangen.(231)
Beinahe jeder Gothic Villain geht auf irgendeine Weise, bewusst oder unbewusst, einen Pakt mit dem Teufel ein. Die Basis bildet dabei für jeden dieser "overreacher seeking power, pleasure, even godhood"(232) dessen Monomanie, ein bestimmtes Ziel um jeden Preis erreichen zu wollen, verbunden mit der Bereitschaft sich dafür über sämtliche Schranken der Moral hinwegzusetzen. Während es bei Montoni die Gier nach Reichtum und bei Ambrosio der zwanghafte Drang zur Erfüllung seiner sexuellen Triebe ist, so ist Victor Frankenstein einzig von dem Gedanken beseelt, künstliches Leben zu schaffen. Auffällig ist dabei, dass in den Gothic Novels mit radikalen Inhalten, wie denen von Godwin und Shelley, der monomanische Trieb des Schurken zunächst auf das Gute ausgerichtet zu sein scheint. St Leon versucht sein ‚Opus Magnum' im Sinne des Utilitarismus für das Wohl der Menschen einzusetzen und auch Frankenstein möchte seine wissenschaftliche Errungenschaft dazu verwenden das Gesundheitswesen zu revolutionieren, während die egoistischen Gothic Villains von Beckford, Lewis oder Radcliffe alle von Anfang an nur auf ihr eigenes Wohl fixiert sind. Der anfängliche Schein trügt jedoch, denn sowohl St Leon, als auch Victor Frankenstein kann, wie bereits gezeigt, die Todsünde des Stolzes, also das Prinzip des "self-applause"(233) zu Last gelegt werden. Ihr jeweiliges Scheitern belegt, dass ihre Motive aus Sicht ihrer Autoren nicht wahrhaft moralisch waren.
So verkauft Frankenstein seine Seele an den Teufel, indem er sich auf der Suche nach dem "philosopher's stone and the elixir of life"(234) das verbotene Wissen aus okkulten Bücher aneignet und so zum "disciple"(235) ihren Verfasser wird: "The raising of ghosts or devils was a promise liberally accorded by my favourite authors, the fulfillment of which I most eagerly sought; […]."(236) Während Matthew Lewis Ambrosios Handel mit dem Teufel im Sinne des plakativen Horrors des ‚male Gothic' äußerst blutig und abstoßend im Text darstellt und sich dabei an die überlieferten Elemente aus den Schriften des Mittelalters hält(237), ist der Pakt bei Mary Shelley auf subtilerer Ebene in die Geschichte eingeflochten. Der Teufel vernichtet Ambrosios Körper, um an seine Seele zu gelangen und den Vertrag einzulösen. Frankenstein jedoch wird, passend zum gesellschaftskritischen Subtexts Shelleys, schon vor seinem körperlichen Tod Stück für Stück von seinem Gewissen getötet, was ihn langsam wahnsinnig werden lässt, wie noch gezeigt werden wird.
Der Titel von Shelleys Werk Frankenstein or The Modern Prometheus deutet bereits vor Lektüre des Romans auf die ungeheurliche Tragweite von Victor Frankensteins Verbrechen hin. Er bezieht sich auf die verschiedenen Versionen der Legende um Prometheus, welcher unerlaubt den Menschen das Feuer der Sonne brachte und für sein Vergehen vom Göttervater Zeus dazu verurteilt wurde an einen Felsen gekettet jeden Tag aufs Neue ertragen zu müssen, dass ein Adler seine ebenfalls täglich nachwachsende Leber frisst. In einer anderen Version maßte sich Prometheus sogar an einen Menschen aus Lehm zu formen und ihn mit dem Sonnenfeuer, welches symbolisch für das Feuer das Lebens und die Schöpfungskraft Gottes stand, zum Leben zu erwecken.(238) Frankenstein versündigt sich also wie Prometheus in erster Linie gegen Gott, da er durch seine Hybris glaubt, dessen Schöpfungskraft nachahmen zu können. Er selbst erwähnt die Verbindung zum Transzendenten, welche er zur Verwirklichung seiner Ziele anstrebt: It was the secrets of heaven and earth that I desired to learn; wether it was the outward substance of things or the inner spirit of nature and the mysterious soul of man that occupied me, still my enquiries were directed towards the metyphysical, or, in its highest sense, the physical secrets of the world.(239)

Gleichzeitig greift er auf unverantwortliche und amoralische Weise in die Gesetze der Natur ein, indem er den menschlichen Reproduktionsprozess pervertiert und so ohne die weibliche Komponente der Fortpflanzung einen todbringenden Golem(240) erschafft. Wie diabolisch sein Verbrechen ist, wird von Shelley durch Victors Reflektionen bezüglich der potentiellen Schaffung eines weiblichen Gegenstücks des Monsters deutlich: "[…] one of the first results of those sympathies for which the daemon thirsted would be children. And a race of devils would be propagated upon the earth, who might make the very existence of the species of man a condition precarious and full of terror."(241) Im Sinne des Teufelspaktes, welcher für den Vertragspartner am Ende immer schreckliche Folgen haben muss, richtet sich Victors Schöpfung, welche ihm auf körperlicher Ebene weit überlegen ist, gegen ihn selbst: "Remember that I have power; you believe yourself miserable, but I can make you so wretched that the light of day will be hateful to you. You are my creator, but I am your master; - obey!"(242) Hier wird Shelleys Kritik an unvorsichtigem Wissenschaftswahn besonders deutlich. Das Ergebnis von Victors Forschungen wächst ihm in Form des gigantischen Monsters, im wahrsten Sinne des Wortes, über den Kopf und droht ihn zu zerstören.
Ein weiterer wichtiger Aspekt im Zusammenhang mit dem arkanen Wissen des Schurken ist der erhobene Zeigefinger der Autoren, dass die Geheimnisse dieses Wissens den Menschen einsam machen, da er sie meist mit niemandem teilen darf und generell nicht für den menschlichen Geist geschaffen sind. Shelley macht dies besonders durch die häufige Kontrastierung von Victors geheimen Labortätigkeiten und dessen Erleben der Freuden der Natur und der Familie deutlich. In der Rahmenhandlung, erzählt ein geläuterter Frankenstein Kapitän Walton über die Gefahren des Herrschaftswissens: "Learn from me, if not by precepts, at least by my example, how dangerous is the aquirement of knowledge, and how much happier that man is who believes his native town to be the world, than he who aspires to become greater than his nature will allow."(243) Wieder evoziert Shelley hier das romantische Bild des ‚noble savage' welcher in Einklang mit der Natur lebt und sich ohne den ständigen Ehrgeiz, sein Wissen zu vermehren, in einem Zustand der inneren Seelenruhe befindet. Auf sein Leben zurückblickend erkennt Victor dies als ein erstrebenswertes Ziel: A human being in perfection ought always to preserve a calm and peaceful mind, and never to allow passion or a transitory desire to disturb his tranquility. I do not think that the pursuit of knowledge is an exception to this rule. If the study to which you apply yourself has a tendency to weaken your affections, and to destroy your taste for those simple pleasures in which no alloy can possibly mix, then that study is certainly unlawful, that is to say, not befitting the human mind.(244)

Wie sehr sich Shelley im Zeitalter der industriellen Revolution in England nach den einfachen Freuden des Lebens sehnte, scheint sich an ihrer romantischen Betrachtung der Natur zu zeigen, welche sie als heilsamen Einfluss für die gepeinigte Seele ihres monomanischen Wissenschaftlers darstellt: "It had then filled me with a sublime ecstasy, that gave wings to the soul, and allowed it to soar from the obscure world to light and joy. The sight of the awful and majestic in nature had indeed always the effect of solemnising my mind, and causing me to forget the passing cares of life."(245)
Als Essenz lässt sich feststellen, dass Gothic Villains, welche es nach verbotenem Wissen dürstet, besonders wenn es dabei um die Schaffung ewigen Lebens oder die künstliche Verlängerung des eigenen Lebens geht, früher oder später die Kontrolle über die ‚Geister' verlieren, die sie riefen und von ihnen zu einem dämonischen Ende gebracht werden.(246) Dieser Prozess dient der Spannung der Gothic Novels im Sinne des vergnüglichen Schauderns und ist gleichzeitig eine Methode der Autoren ihre Schurken als abschreckende Beispiele zu instrumentalisieren, um auf etwaige falsche Verhaltensmuster innerhalb der Gesellschaft oder der Familie aufmerksam zu machen wie im Fall des Victor Frankenstein.