Die Zunge der Schlange

Ambrosio ist ein weiterer diabolischer Aspekt zu Eigen, welcher ihn im Roman zu einem dämonischen Verführer werden lässt: Große Eloquenz. Dem biblischen Teufel, welcher in Form der Schlange(135) Eva verführte, wird diese Eloquenz zugesprochen, da er als "father of lies"(136) alle Sprachen spricht und seine Worte Hauptinstrument der Verführung sind. Besonders in Form der verführerischen Gothic Villainess Matilda, welche im Roman eine von verschiedenen Inkarnationen des Teufels ist, besitzt dieser, durch den Liebreiz eines attraktiven Äußeren verstärkt, eine besonders große Macht der Verführung, welche Ambrosio zunächst in die Defensive drängt: "Though still unconscious how extensive was its influence, he dreaded the melodious seduction of her voice."(137) Der Teufel jedoch weiß, wie er die Schwächen des lüsternen Mönches ausnutzen muss und passt seine Überredungskünste der jeweiligen Situation an. Als Matilda merkt, dass sie Ambrosio nicht mehr nur durch ihre weiblichen Reize kontrollieren kann, da dieser ihr überdrüssig geworden ist, schlüpft sie in die Rolle einer weisen, aber manipulativen Ratgeberin:
Left to himself He could not reflect without surprise on the sudden change in Matilda's character and sentiments. But a few days had past, since She appeared the mildest and softest of her sex, devoted to his will, and looking up to him as to a superior being. Now She assumed a sort of courage and manliness in her manners and discourse but ill calculated to please him. She spoke no longer to insinuate, but command: He found himself unable to cope with her in argument, and was unwillingly obliged to confess the superiority of her judgement. Ervery moment convinced him of the astonishing powers of her mind […].(138)

In seiner Rolle als Gelehrter eines Mönchsordens besitzt auch Ambrosio bei seinen Predigten diese manipulative Kraft: "His voice at once distinct and deep was fraught with all the terrors of the Tempest, […].(139) Im späteren Handlungsverlauf bedient sich der Mönch seiner Intelligenz und Beredtsamkeit dann gezielt, um sein Opfer, die unschuldige Antonia, zu bezircen und für seine Annäherungsversuche empfänglich zu machen: "He easily distinguished the emotions which were favourable to his designs, and seized every means with avidity of infusing corruption into Antonia's bosom. [...] He took refuge in his eloquence; He over-powered her with a torrent of Philosophical paradoxes."(140)
Diese geistige Schärfe und Verschlagenheit ist ein Markenzeichen der Gothic Villains, welche ihre Redekunst befügelt und sich auch in ihren Augen widerspiegelt, wie sich später noch zeigen wird. Die Eloquenz trägt ebenfalls zu der bereits besprochenen Erhabenheit dieser Charaktere bei, welche sie im Kontrast über andere Romanfiguren stellt und so für den Leser interessant macht. In William Godwins Travels of St Leon besitzt der Schurke Bethlem Gabor eine Stimme "like thunder"(141) und eine "supernatural eloquence."(142) Es erscheint St.Leon, als ob "while he spoke, he ceased to be a man, and became something more amazing."(143)
Auch St.Leon selbst nimmt im Verlauf von Godwins Roman immer diabolischere Züge an. Er lässt sich vom Teufel in Form eines Fremden verführen, welcher ihm große Macht verspricht und verfällt wenig später in diabolisch-assoziierte Praktiken wie die Alchemie. Durch die Artefakte des ‚Opus Magnum' korrumpiert, zählt er für die Menschen bald zu den "necromancers and conjurers"(144) und kann seine satanische Seite nicht mehr verstecken. Dies macht ihn nach altem Volksglauben zu einem direkten Verbündeten des Teufels: "Witches are servants onelie, and slaves to the Devil; but the Necromanciers are his maisters and commanders"(145). Ein ihn verhörender Magistrat bemerkt: "You are mighty well-spoken, monsieur St. Leon, […], and your words are big and sounding; but we know that the devil can assume the form of an angel."(146) An dieser Stelle wird deutlich, dass große Eloquenz vom Menschen mit dem Diabolischen in Verbindung gebracht wird und somit ein natürliches Misstrauen hervorruft.
Besonders bei Mary Shelleys Beschreibung von Victor Frankenstein, bei welcher sie einen eindeutigen Vergleich zu Miltons Satan konstruiert, wird die Untrennbarkeit der Wortgewandtheit mit der Gestalt des Verführers des Menschen, dem Teufel, deutlich:
On every point of general literature he displays unbounded knowledge, and a quick and piercing apprehension. His eloquence is forcible and touching; nor can I hear him, when he relates a pathetic incident, or endeavours to move the passions of pity or love, without tears. What a glorious creature must he have been in the days of his prosperity, when he is thus noble and godlike in ruin! He seems to feel his own worth, and the greatness of his fall.(147)

Durch seine Intelligenz, "a penetration into the causes of things, unequalled for clearness and precision"(148), und eine Stimme "whose varied intonations are soul-subduing music"(149) erhält Victor im Roman satanische Züge, welche ihn durch die Anmaßung an Gottes Stelle Leben zu erschaffen, zu dessen Gegenspieler machen.