Zusammenfassung der Ergebnisse

Schauergeschichten sind so alt wie die Menschheit selbst. Schon früh wurden von unseren Vorfahren Mythen und Legenden geschaffen, um Himmelskörper, Unwetter oder den Ursprung der Erde und des Menschen erklären zu können. Vor dem Hintergrund des allgegenwärtigen Mysteriösen waren diese Erzählungen auf natürliche Weise von Ehrfurcht und Angst inspiriert.(336)
Die Volatilität des menschlichen Lebens mit all seinen Kontrasten von Armut und Reichtum, Schönheit und Hässlichkeit, Erfolg und Misserfolg und besonders Leben und Tod erhebt die Wahrnehmung des Menschen aus der Monotonie des ewig Gleichen und gibt ihm Sinn und Zielrichtung; selbst wenn diese nur im Kampf um das tägliche Überleben besteht. Der Selbsterhaltungstrieb ist, gekoppelt mit der Fähigkeit des Denkens, der Hauptgrund für den Wunsch des vergleichsweise kurzlebigen Menschen nach Vergnügung. In der Literatur zeigt sich immer wieder der tief in der Psyche des Menschen verankerte Wunsch, nicht nur unterhalten, sondern auch zu Mitgefühl und Angst bewegt zu werden. Wie sonst ließen sich die großen Erfolge insbesondere dramatischer Werke erklären?
Gerade die Autoren der Gothic Novels haben die Angst als "potent spell"(337) wiederentdeckt. Eine Springflut oder ein Erdbeben sind furchteinflößend und im Sinne Burkes, wie sich im ersten Teil der Arbeit gezeigt hat, von erhabener Schönheit, da sie den Menschen mit ihrer Gewalt vernichten könnten. Überträgt man diese Macht auf eine Person ist sie jedoch noch weit aus bedrohlicher und erhabener, da sie unter der Schirmherrschaft des menschlichen Geistes Methode bekommt. Das personifizierte Grauen wird von den Autoren instrumentalisiert, um dem Leser den gewünschten wohligen Schauer zu bescheren, welchen dieser in der Sicherheit der Betrachterrolle genießen möchte. Dieser Voyeurismus in Verbindung mit der Schönheit des Furchtbaren wird von Maturin durch den Spanier Alonso in Melmoth the Wanderer dargestellt, als dieser beschreibt wie ein Mörder von einer Menschenmasse in Stücke gerissen wird:
It is a fact, Sir, that while witnessing this horrible execution, I felt all the effects vulgarly ascribed to fascination. […] I echoed the wild shouts of the multitude with a kind of savage instinct. […] offering worlds in imagination to be able to remove from the window, yet feeling as if every shriek I uttered was a nail that fastened me to it - dropping my eye-lids, and feeling as if a hand held them open, or cut them away - forcing me on all that passed below, like Regulus, with his lids cut off, compelled to gaze on the sun that withered up his eye-balls […]. The drama of terror has the irresistable power of converting its audience into its victims.(338)

Die Faszination Zeuge des Terrors zu werden, besonders wenn dieser von einem düster-majestätischen Räuberhauptmann ausgeht, wurde bei der Untersuchung des Schurken aus der Feder einer weiblichen Autorin in der Arbeit dargestellt. Der Geist der Romantik mit seiner Rückwendung zum Mittelalter und der Liebe zum Pittoresken(339), welcher Radcliffes Werk durchdringt, lässt dem Leser (besonders dem weiblichen) den Schurken Montoni in seiner schaurigen Burg beinahe wie einen mittelalterlichen Ritter erscheinen. Und tatsächlich benimmt sich dieser mit seiner amoralischen Lebensführung, durch welche er sich über jegliche Regeln stellt, wie ein gewissenloser Raubritter. Durch seine Kompromisslosigkeit und Determination in seinen Handlungen erweckt er beim Leser Abscheu und Bewunderung zugleich, wodurch er im Text die Rolle eines ‚hero-villain' einnimmt. Wie sich gezeigt hat scheint der Villain im Roman durch seine verschiedenen Rollen als Verfolger oder Unterdrücker eine allgegenwärtige Gefahr für die ‚damsel in distress' zu sein und wird so zu einem Motor in der Welt des literarischen Terrors. Es ist immer erst der Schurke, welcher passive Gefahren, wie die einer gefechtsbereiten Burg, in eine aktive Bedrohung ausweitet und dabei gleichzeitig die Angst der Bürger vor nicht legitimen Machtmissbrauch der Aristokraten der Zeit widerspiegelt.
Die Lust am Mystischen und Übernatürlichen der Menschen des 18. Jahrhunderts war nicht nur ein durch die Romantik geborenes Aufbegehren gegen das "cold business of plain Common-Sense"(340) des Klassizismus, sondern auch ein Versuch, aus der Monotonie des eigenen Lebens für kurze Zeit auszubrechen. Im wenig diversifizierten Leben der Bewohner der Landhäuser des 18. Jahrhunderts, wie sie in den Romanen von Jane Austen widergespiegelt werden, müssen Gothic Novels eine willkommene Abwechslung dargestellt haben.(341)
Der Aspekt des Übernatürlichen wurde anhand des Mönches Ambrosio in der Rolle des ‚Gothic villain of Horror' behandelt. Die Romane der männlichen Autoren wussten durch ihre explizite Darstellung des Morbiden und Fantastischen einen besonders großen Kontrast zum idyllischen Leben der Menschen in den Romanen einer Jane Austen zu schaffen. Durch die Dämonisierung des Gothic Villain und seinen Pakt mit übernatürlichen, düsteren Mächten wird für den Leser eine Welt des Grotesken und Makabren erschlossen, in welcher Inzest, unterdrückte Lüste und unheilige Riten die Schattenseite der menschlichen Seele offen legen. Wie sich gezeigt hat, ist den Menschen in diesem Kontext keine bedrohlichere Gestalt bekannt, als der inkarnierte Ausdruck des Bösen, der Teufel selbst, welcher in literarischer Form von John Milton in der vielleicht beeindruckensten Weise beschrieben wurde. Es ist also nicht verwunderlich, dass gerade die Autoren des ‚male gothic' mit ihrer Ausrichtung auf plakativen Horror ihren Schurken die Erhabenheit und Verruchtheit eines Satan verliehen. Die verschiedenen Aspekte der Gestalt des Satan, welche im Gothic Villain ihren Ausdruck finden, wie der ihm zum Verhängnis werdende Stolz und auch seine physischen und geistigen Attribute sind mit ihrer furchteinflößenden Wirkung auf den Leser besprochen worden. Besonders Lewis' Kritik am Katholizismus ist durch seinen Teufel im Mönchsgewand offenbar geworden.
Literatur spiegelt stets in verschiedenen Formen, so künstlerisch wie es ihre Autoren vermögen, den Geist und die materiellen und metaphysischen Probleme ihrer Zeit wider.(342) Dies hat sich insbesondere bei der Untersuchung von Mary Shelleys Frankenstein als Beispiel für eine Gothic Novel mit radikalen Botschaften gezeigt. Victor Frankenstein geht einen Pakt mit dem Teufel ein, um sich arkanen Wissens zu bemächtigen. Die Mächte jedoch, die er heraufbeschwört entgleiten seiner Kontrolle und richten sich auf fatale Weise gegen ihn selbst. Über seinen vorprogrammierten Untergang und das Leid aller Betroffenen wird er langsam wahnsinnig und, auf einer bildlichen Ebene, zum ‚wandering jew'. Wie im letzten Teil der Arbeit deutlich wurde, kritisierte Shelley durch ihren Schurken und dessen monströsen Doppelgänger ganz besonders gesellschaftliche Ungleichheit und übersteigerten Wissensdurst zu Ungunsten romantischer Ideale wie einer intakten Familie. Gleichzeitig ruft sie dem Leser durch das Schicksal ihrer Schurken noch einmal die Schrecken der französischen Revolution in Erinnerung, um mit ihrem Roman ein Mahnmal zu errichten und vielleicht auch, um mit diesem einen Realitätsbezogenen und damit besonders gruseligen Boden für ihre Gothic Novel zu schaffen. Ihr wahnsinniger Wissenschaftler und der fleischgewordene Ausdruck seiner Verfehlungen, sein künstliches Monster, haben neben ihrer Funktion als Träger radikaler Subtexte auch ihre Funktion als Auslöser des vergnüglichen Horrors nicht verfehlt.
Letztendlich ist bei der Analyse der Funktion der Schurken in den hier ausgewählten Schauerromanen besonders eine Tatsache offenbar geworden. Neben der notwendigen Widerspiegelung der Zeit ihrer Erschaffer wurden sie in erster Linie erdacht, um dem ‚Schauer' im Schauerroman gerecht zu werden. Trotz aller komplexen Interdependenzen von Motiven und Beweggründen verbleibt an der Oberfläche der Gothic Novels eine naive Einfachheit, welche die Menschen zu allen Zeiten zu begeistern wusste: "the villain and the hero and the exquisite heroine, virtue rewarded and vice punished."(343)